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Was ist eigentlich ein Lärmfeuer?

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Am Samstag den 28. März 2015 brennt es wieder im Odenwald. Es ist Lärmfeuertag!

Lärmfeuer 2012 in Eulsbach, einem Ortsteil von Lindenfels

Lärmfeuer 2012 in Eulsbach, einem Ortsteil von Lindenfels

An diesem Tag spielen allerorten Musikanten auf, es gibt gebratene Würstchen und in Anbetracht des aktuellen Wetters sicherlich auch Glühwein. Ein quirliges Treiben, das in jedem Fall einen Besuch lohnt.

Aber was steckt hinter diesem Brauch? Wie viel ist gesichert, was ist Vermutung? slowlifelab hat das Thema Lärmfeuer unter die Lupe genommen.

Lärmfeuer: Begriff und Funktion

Obwohl die meisten Veranstaltungen am Lärmfeuertag musikalisch untermalt sind, muss bei einem Lärmfeuer nicht zwangsläufig gelärmt werden. Der Wortbestandteil Lärm stammt vom neuhochdeutschen Begriff larman bzw. lerman. Dieser Begriff geht wiederum auf das französische alarme bzw. das italienische allarme zurück, was zu den Waffen bedeutet. Die erste schriftliche Erwähnung des Begriffs lerman/larman erfolgte im Jahr 1507 in der Biographie des fränkischen Ritters und Landsknechtsführers Wilwolt von Schaumburg bzw. Schaumberg 1.

Ein Lärmfeuer ist also kein lärmendes, sondern ein zu den Waffen rufendes Feuer. Es steht nicht allein, sondern ist Bestandteil einer Signalfeuerkette mit der einfache Nachrichten übermittelt wurden.

Unter dem Namen Kreidfeuer2 und Hohwacht3 sind ähnliche Signalfeuerketten im Österreich und der Schweiz bekannt. Die Kreidfeuer wurden beispielsweise zur Nachrichtenübermittlung in der Zeit der Türkeneinfälle im Südosten Österreichs genutzt. Der Begriff Kreidfeuer stammt vom lateinischen quritare (schreien).

Spekulativ: Das keltische Nachrichtensystem

Vielleicht nutzen bereits die Kelten Signalfeuer zur Nachrichtenübermittlung im Odenwald. Davon geht der Sachbuchautor Gernot L. Gies aus. Diese Theorie wurde wissenschaftlich nicht überprüft, sondern stammt allein aus Recherchen und Folgerungen des Autors 4.

Gesichert: Feuersignale am Limes

Der Limes führte ca. 60 Jahre lang durch den Odenwald. Er begann am Kastell Wörth am Main und endete zwischen Bad Wimpfen am Neckar und Neckarsulm 5.

Hier eine Karte des Neckar-Odenwald-Limes:

Verkleinerter Plan des Neckar-Odenwald-Limes. Klicken öffnet den Plan bei Wikimedia Commons.

Verkleinerter Plan des Neckar-Odenwald-Limes. Klicken öffnet den Plan bei Wikimedia Commons.

Es gilt als gesichert, dass die römischen Soldaten im gesamten römischen Reich Feuerzeichen verwendeten, um sich zu verständigen. Experimentelle Archäologen konnten inzwischen nachweisen, dass eine Nachricht aus der germanischen Provinz innerhalb von zwölf Stunden nach Rom gelangen konnte 6.

Um das Jahr 159 nach Christus wurde der Limes verlegt und die Wachtürme im Odenwald dem Verfall preisgegeben. Allerdings lassen sich noch heute Reste ursprünglicher Anlagen und rekonstruierte Wachtürme besichtigen, wie zum Beispiel das Bodendenkmal Kastell Würzberg7.

Gesichert: Lärmfeuer in den Kriegen

Die ersten als Lärmfeuer bezeichneten Signalfeuerketten wurden im Dreißigjährigen Krieg erreichtet. Auch im Krieg gegen die Armee Ludwigs XIV von Frankreich (1672 – 1678), dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701 – 1714) und dem Polnischen Thronfolgekrieg (1733 –1738) wurden die offenen Holzhütten auf den Odenwälder Bergrücken wieder besetzt.

Auf vielen Bergrücken häufte man Reisig auf oder legte Holzstöße an, die bei Gefahr von den dauerhaft am Lärmfeuerpunkt stationierten Wachleuten entzündet wurden. Vermutlich wurde am Tage rauchendes Feuer aus frischem Holz und bei Nacht großflammiges Feuer aus trockenem Holz verwendet. Längere Nachrichten wurden durch Schussignale übermittelt.

Das Signalnetz begann am Rhein und zog über die Lorscher Sanddüne zur Starkenburg bei
Heppenheim. Dort teilte es sich in die nördliche Signalkette über die Neunkircher Höhe, den Otzberg und den Breuberg bis ins Maintal und die südöstliche Linie über die Sensbacher Höhe und den Krähberg. Kleine Lärmfeuerstationen waren zum Beispiel auf dem Schöllenberg bei Erbach, auf dem Zellerkopf bei Michelstadt und dem Reichenberg bei Reichelsheim 8.

Sobald die Kunde des entzündeten Lärmfeuers bei der Zentmannschaft, der regionalen bewaffneten Mannschaft 9, eintraf, formierte sie sich am Sammelplatz.

Die Zenten der Grafschaft Erbach im Odenwald besaßen meistens zwei Alarmplätze. Der Zent Freienstein traf sich auf dem Marktplatz in Beerfelden und am Zigeunerstock bei Airlenbach. Der Zent Erbach sammelte sich auf dem Schöllenberg und bei Haisterbach. Die Michelstädter Zentmannschaft sammelte sich auf dem Galgenberg 10.

Zum letzten Mal wurden die Lärmfeuer um 1800 in den Napoleonischen Kriegen besetzt. Da sich die Kriegsführung und die Nachrichtenübermittlung im Lauf der Zeit weiterentwickelt hatte, wurden Lärmfeuer nicht mehr gebraucht.

Gemischt: Lärmfeuer heute

Vermutlich inspiriert von Ortsnamen wie Lärmfeuerberg bei Reichelsheim und Namen traditioneller Gaststätten wie der Pension Lärmfeuer in Reichelsheim-Rohrbach, wurde die Tradition der Lärmfeuer im Jahr 2006 wiederentdeckt.

Heute sollen die Lärmfeuer nicht mehr alarmierend, sondern verbindend wirken, wie ein helles Band durch den Odenwald. An Stelle der Verteidigung gegen die französische Armee ist gemeinsames Feiern mit der Partnergemeinde getreten.

Das letzte Lärmfeuer erlebte ich 2012 in Eulsbach, einem Ortsteil von Lindenfels. Musikalisch untermalt wurde es von der Gruppe Emscherflute aus Dortmund mit Unterstützung von meinem Herzblatt. Emscherflute spielt teilweise Musik aus dem Mittelalter, aber auch Musik aus der Renaissance, wie sie zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges noch üblich war.

Da Emscherflute in diesem Jahr nicht teilnehmen wird, sind wir noch nicht sicher, welchen Ort wir besuchen werden. Wenn möglich, sollte es ein historisch belegter Lärmfeuerstandort sein.

An sich kann jede Gemeinde im Odenwald ein Lärmfeuer ausrichten. Zudem wird das Rahmenprogramm sicherlich auf Stimmigkeit, jedoch nicht auf historische Korrektheit überprüft. Vielerorts lässt die Brandschutzverordung eine Veranstaltung am Originalschauplatz nicht zu, oder es sind dort inzwischen Bauwerke errichtet.

Folgende Lärmfeuerstandorte können als historisch gesichert gelten:

Die folgenden Orte sind zwar historisch gesichert, nehmen jedoch nicht an der Signalfeuerkette teil:

  • Gernsheim
  • Lorsch (Düne)
  • Rheinschanze (gegenüber von Worms)
  • Schönberg
  • Heppenheim (Starkenburg)
  • Spessartkopf (Gras-Ellenbach)
  • Morsberg (Reichelsheim – Ober-Kainsbach)
  • Zeller Kopf
  • Hohe Straße
  • Würzberg (Michelstadt)
  • Sensbacher Höhe (Sensbachtal)

Aktuelle Infos gibt es bei den Felsenmeerdrachen.

  1. Quelle: Kluge Friedrich, Etymologisches Wörterbuch, 1975, 21. Auflage, Berlin, Walter De Gruyter. Friedrich Kluge bezieht sich auf Seite 120 des Werkes „Geschichten und Taten Wilwolts von Schaumberg“ und nennt Wilwolt von Schaumburg (sic!) selbst als Verfasser. Inzwischen gilt es jedoch als wahrscheinlich, dass die Biographie des fränkischen Ritters und Landsknechtsführers von Wilwolts Schwager Ludwig von Eyb dem Jüngeren verfasst wurde, vgl. Bayrische Akademie der Wissenschaften, Repetitorium „Geschichtsquellen des deutschen Mittelalters“.
  2. Wikipedia über die Kreidfeuer im Mittelalter
  3. Wikipedia über die Hohwacht in der Schweiz
  4. Quelle: Thomas Maul: Feuerbräuche und Lärmfeuer im Odenwald
  5. vgl. Wikipedia über den Neckarodenwald-Limes. Allerdings wird der Inhalt dieser Beschreibung bei Wikipedia aktiv diskutiert und kann daher Veränderungen unterliegen.
  6. vgl. Thomas Maul Feuerbräuche und Lärmfeuer im Odenwald .
  7. Kastell Würzberg bei Wikipedia
  8. Quelle und mehr Informationen: Thomas Maul: Feuerbräuche und Lärmfeuer im Odenwald
  9. Der Begriff Zent stammt aus der merowingisch-karolinischen Gerichtssprache und bezeichnete ursprünglich eine Hundertschaft. Erst später wandelte sich die Bedeutung des Begriffs zum Teil einer Grafschaft mit eigener Gerichtsbarkeit. Quelle: Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch, 1975, Berlin, Walter De Gryter
  10. Quelle und mehr Informationen: Thomas Maul: Feuerbräuche und Lärmfeuer im Odenwald

Autor: Alice Scheerer

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2 Kommentare

  1. Am Samstag ist wieder #Lärmfeuertag im #Odenwald. #Historisches & Impressionen vom letzen Jahr auf slowlifelab.de http://t.co/ivHEt8wcss

  2. Am Samstag Abend schon was vor? Schaut doch der Signalfeuerkette durch den Odenwald zu: http://t.co/TlBn3VRwMH #lärmfeuer

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