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Unser Hades – die grüne Hölle

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Wikipedia sagt: „In manchen Kulturen ist die Unterwelt ein zwar öder und finsterer, dennoch moralisch unbewerteter Aufenthaltsort, in anderen Kulturen wiederum eine grauen- und qualvoll ausgestaltete Hölle und Wohnsitz des Bösen.1„. Wir sind immer noch damit beschäftigt, eine grünen Hölle voller Kriechgewächse und Untiere in einen angenehmen Ort zu verwandeln.

Die Entdeckung

Als wir begonnen hatten, mit den damaligen Besitzern unsers Hauses über den Kauf zu verhandeln, nahmen wir die Umgebung des Hauses bewusster wahr. Eines Tages entdeckte ich neben den Schrebergärten am Neckar einen ungepflegten Abhang. Wie elektrisiert blieb ich stehen. Ob das ein städtisches Grundstück ist?

Als ich am Abend von meiner Entdeckung erzählte, wußte #herzblatt genau, welchen Abhang ich meinte. Er hatte ihn auch schon gesehen.

Am nächsten Tag rief #herzblatt bei der Stadtverwaltung an. Ja, die Grundstücke in diesem Bereich gehören der Stadt, doch genauere Angaben könne man erst nach einer Ortsbegehung machen.

Die Ortsbegehung verlief unproblematisch. Mir wurde mitgeteilt, daß die Stadt kontrolliere, wie das Grundstück von uns gestaltet würde. Es gäbe ein Formular, das müssten wir unterschreiben.

Voller Vorfreude wanderten wir mit einem Rucksack voller Picknickzubehör zum zukünftigen Garten und hätten am liebsten gleich losgelegt.

Ganz so einfach war die Sache leider nicht. Das Formular war mehrseitig und forderte zusätzlich einen Zeichnung der von uns geplanten Bepflanzung und Gestaltung des Grundstücks ein.

Mein Teil der Planung war schnell erledigt. Für mich besteht ein Garten aus einer Wiese mit einem Tisch, ein paar Stühlen und einem Baum. Ein großer Baum stand bereits neben der Stelle mit der besten Aussicht, Tisch und Stühle warteten wir auf unserer alten Terrasse. Nur die Wiese fehlte.

#herzblatts Teil war etwas umfangreicher. Er wollte Tiefbeete, eine Hütte und einen Teil des Grundstücks anheben. Unnötig zu erwähnen, dass wir noch nie einen Garten geplant hatten.

Wir verbrachten mehrere Abende mit dem Planen des Gartens und dem Verstehen und Ausfüllen des Formulars. Besonders ein paar Formulierungen im rechtlichen Teil warfen Fragen auf. Waren wir wirklich haftbar für bereits vorhandene Altlasten im Boden? Mussten wir haften, wenn einer der alten Bäume umfiel und etwa ein Auto beschädigte? Wie war das Aufräumen nach Überschwemmungen geregelt?

Unsere Fragen fügten wir dem Formular in schriftlicher Form bei.

Ein großer Fehler. Schriftliches wird besonders gründlich bearbeitet. Im Mai 2011, genau ein Jahr nach dem Picknick im Garten, erhielten wir den Pachtvertrag.

Ich nahm mir für den Rest meines Lebens vor, unklare Sachlagen auszusitzen.

Der Kampf

Wir hatten das Grundstück nicht nur wegen unserer gestiegenen Sensibilität entdeckt, sondern auch, weil es kurz zuvor gerodet worden war. Bewohner Neckargemünds hatten sich über zu wenige Möglichkeiten zum Blick auf den Neckar beschwert.

Holunderbusch, von Schlingpflanzen überwuchert

Holunderbusch, von Schlingpflanzen überwuchert

Nach einem Jahr hatte die Natur das Grundstück zurückerobert. Das Hanggrundstück bot sich dem Betrachter als lückenlose grüne Hölle dar. Schlingpflanzen aller Art überwucherten Bäume und Sträucher.

  • Die Ackerwinde 2
  • Der wilde Wein 3
  • Die gemeine Brombeere
  • Die Brennessel
  • Der eingegrabene Gartenzaun
  • Der Stacheldraht

Außerdem fanden wir: Zwei Klappstühle, historische Flaschen, …

Jedes Wochenende rückten wir nun dem Dickicht zu Leibe. #Herzblatt ackerte den ganzen Herbst über und erntete dabei Ermunterung und Bedauern der Spaziergänger. Auch die Anzahl an Schneidwerkzeugen und Hacken in unserem Fundus stieg in dieser Zeit rasant.

Zu den von Oma und den Verwandten einiger Feunde geerbten historischen Gartenwerkzeugen kamen neue nach bewährtem Vorbild.

An einem besonders schönen Frühsommertag, als ich mir gerade sensenschwingend einen Weg durch die mannshohe Brombeerhecke bahnte, fielen die Erdwespen über mich her. Der Name „Hades“ war geboren.

Ist kein Baum oder Strauch in der Nähe, so wachsen die Ranken des Parthenocissus quinquefolia auch knapp unter der Erdoberfläche. Ich spezialisierte mich auf das Herausziehen dieser Wurzeln, eine dem Websurfen nicht unähnliche Tätigkeit, bei der man an einer Stelle beginnt und sich nach vielen Verzweigungen am anderen Ende des Gartens wiederfindet. Brombeerwurzeln sind schwieriger zu entfernen, für das Entfernen der Knollen wird eine Hacke benötigt.

Wurzeln ausgraben, eine dem Websurfen nicht unähnliche Tätigkeit.

Wurzeln ausgraben, eine dem Websurfen nicht unähnliche Tätigkeit.

Sähen & Pflanzen

Unsere Lessons Learned im Bereich Sähen & Pflanzen waren:

  1. Wer über kein Gewächshaus und keinen Südwestbalkon verfügt, muss früher aussähen und, auch wenn es lächerlich wirkt, Jungpflanzen bei schönem Wetter hinaus- und abends wieder hineinstellen. Viele unserer zu späte gezogenen Pflanzen, zum Beispiel der Rotkohl, sind jetzt, im November, noch nicht ausgewachsen.
  2. Wir wollten keinen englischen Garten, sondern eine gesunde Wiese. Ich bezweifle jedoch, dass unsere Wahl richtig war. Die Dauerwiese Nr. 200 von Becker Schoell verwandelte unser steiles Brachland fix in eine wuschelige, nur mit der Sense mähbare Heuwiese.  Unnötig zu erwähnen, dass wir zum ersten Mal Gras ausgesät haben.

saehen

Wachsen im Hades

Der Hades kann keine Tomaten. Kartoffeln kann er auch nur mäßig. Mais bekommt in unserem Garten lustige Pilze und was noch nicht aufgezählt wurde, wird von den Schnecken gefressen.

Da wir nicht die Ersten mit diesen Problemen sind (aber vermute die Einzigen mit ALLEN aufgezählten Problemen), gibt es für jedes dieser Probleme eine Lösung.

Lessons Learned:

  1. Nur unsere Fenstertomaten tolerieren Regen. Fleischtomaten müssen tatsächlich in ein Tomatenhaus.
  2. Gegen Braunfäule hilft nur Kupfer, oder? Dieses Jahr haben wir Kupferoxid verwendet. Im nächsten Jahr möchten wir es mit Knoblauch-Zwiebelsud versuchen4.
  3. Nacktschnecken rücken wir bisher mit Handwerkzeugen und Schneckenkorn (Eisen-III-Phosphat) zu Leibe. Ich träume aber von Schneckenbarrieren aus Metall.
  4. Der gruslige Maispilz heißt Maisbeulenbrand und ist laut Wikipedia eine Delikatesse in Afrika und der Schweiz5. #herzblatt inspiriert das zu dubiosen Expansionsplänen. Mir kommt das Zeug aber nicht ins Haus.
  5. Saatmarkierungen sind nicht nur Schnickschnack für Pedanten. Wir haben ca. 60% unserer Ernte als vermeintliches Unkraut ausgerupft.
Maisbeulenbrand

Maisbeulenbrand

Ernten

Dank Schneckenkorn konnten wir eine Kürbispflanze großziehen. Einen der zwei Kürbisse haben wir bereits zu leckerer Suppe verarbeitet.

Kohlrabi wird im Hades zwar nicht besonders groß, aber recht lecker. Erntet man ihn zu spät, in der Hoffnung, daß er noch wächst, so platzt er auf und wird ungenießbar.

Weder gelbe Bohnen noch Erbsen werden besonders groß. Buschbohnen machen ihrem Namen alle Ehre und weigern sich zu ranken.

Weiterkämpfen

In jeder Minute die ich hier sitze, wachsen neue Brennnesseln und Brombeeren nach. Vor allem an völlig unerwarteten Stellen.  Auch das Gras möchte neues Terrain erkunden und säht sich daher bevorzugt auf Wegen und Beeten an.

Maat in der Hanglage

Maat in der Hanglage

  1. Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Hades
  2. Bei Wikipedia wird die Ackerwinde sehr gut beschrieben.
  3. Mit “Wilder Wein” werden mehrere Pflanzenarten bezeichnet. Im Hades wächst die aus Nordamerika stammende Selbstkletternde Jungfernrebe (Parthenocissus quinquefolia)
  4. Hier werden Alternativen zu Kupferoxid aufgelistet: http://www.freizeitgarten.ch/Tomaten-1.htm
  5. Bei Wikipedia findet sich einiges über den Maisbeulenbrandund seine Verwendung.

Autor: Alice Scheerer

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