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Magazine jagen und Dinge adoptieren: Über das Sammeln

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Ausnahmsweise nicht von Herzblatt gebastelt: Antennen und Co. im Museum der Dinge  (© Alice Scheerer mit freundlicher Genehmigung des Werkbundachivs -Museum der Dinge)

Ausnahmsweise nicht von Herzblatt gebastelt: Antennen und Co. im Museum der Dinge (© Alice Scheerer mit freundlicher Genehmigung des Werkbundachivs – Museum der Dinge)


Im März rief das Museum im Bügeleisenhaus in Hattingen an der Ruhr zur Blogparade zum Thema Sammlungen auf. Das Thema passte gut zu slowlifelab.de und mir, allerdings war im April wenig Zeit zu schreiben. Inzwischen ist die Teilnahmefrist abgelaufen. Da es thematischer Dauerbrenner ist, widme ich mich heute der vom Museum im Bügeleisenhaus gestellten Fragen:

Jagen und Adoptieren

Persönlich unterscheide ich zwei Sammelformen. Jagen und Adoptieren.

Eine gejagte Sammlung entsteht gezielt. Der Sammler weiß genau, was er sucht und wie er es findet. Er ist getrieben, vielleicht sogar mit Merkmalen einer Sucht1.

Eine adoptierte Sammlung entsteht durch Schenken, Erben oder Finden. Durch Zufälle. Man mag die Elemente der Sammlung. Man erinnert sich, wie sie zu einem fanden. Und weil sie mit einer persönlichen Geschichte verbunden sind, muss man sich um sie kümmern.
In unserem Haus gibt es beides.

Gejagte Sammlungen

Ferrari im Barbie-Journal

Ferrari im Barbie-Journal

Ich jage und sammle Magazine. Darunter sind Publikumszeitschriften, Special-Interest-Zeitschriften und vor allem Kundenzeitschriften. Um meine erste Kundenzeitschrift gab es sogar eine Rangelei in der Grundschulumkleide. Es war ein „Barbie Journal“. Die Jungs hatten es mit wohlkalkulierter Absicht dort hineingeworfen. Nach Hause kam ich, die Klassenkameradinnen dicht auf den Fersen, über allerlei Schleichwege.

Letztendlich reizte mich am „Barbie Journal“, dass es einer Frauenzeitschrift nachgebildet war. Neben Modestrecke und Einrichtungstipps enthielt es ratgebenden Psychogeschichten (z.B. „Muffi, das Geruchsgespenst“) und einmal sogar einen Abschnitt über Ferrari.

Ich konnte mich Samstag nachmittags neben Mama auf die Couch setzen und meine eigene ‚Brigitte‘ lesen. Fast ohne Einsatz von Taschengeld. Nur die Bemerkungen über ‚furchtbar hässliches‘, und sehr verbotenes ‚rosa Plastik‘ musste ich gezielt überhören.

Bald wusste ich, wo das Magazin kostenlos und ohne Körpereinsatz zu haben war. Leider lag es nur eine kurze Zeit lang vor dem Spielzeugladen aus. Danach musste es an der Kasse erfragt werden. Weil ich mich nicht traute, einfach so nach einer kostenlosen Zeitschrift zu fragen, kaufte ich Pfennigkram, um beim Bezahlen die Frage einzuflechten „Haben Sie ein neues ‚Barbie-Journal‘?“.

Das Jagdfieber wirkte lange nach. Noch Anfang Zwanzig träumte ich bisweilen, dass ich ein neues Barbie-Journal finde, ohne vorher Juckpulver kaufen zu müssen.

Mit der Zeit änderten und erweiterten sich meine Zeitschriftenvorlieben. Bis vor Kurzem war keine Bahnhofsbuchandlung vor mir sicher. Einerseits versorgte ich mich monatlich mit einem persönlichen Cocktail aus:

  • brand eins
  • LandLust
  • T3n
  • und burda Style

Andererseits war ich auf der Suche nach Magazinen zu außergewöhnlichen Themen. Wohin geht der Magazintrend? Welche Magazinsparten wachsen, welche schrumpfen? Auch wenn ich von diesen Entdeckungen meist nur eine Ausgabe erstand, wurde meine Sammlung schnell raumgreifend.

Inzwischen forsche ich in diesem riesigen Bereich seltener am physischen Objekt. An gut gemachten Kundenmagazinen und Touristenratgebern kann ich immer noch nicht vorbeigehen. Wie jeder Jäger mit Suchtpotential habe auch ich eine realistisch klingende Ausrede: Ich brauche doch Anregungen für meine Produktgeschichten.
Stimmt ja auch.

Adoptierte Sammlungen

Ein Großteil unseres Haushalts ist adoptiert. Da sind die historischen Gartengeräte aus verschiedensten Erbschaften. Die teilweise historischen Elektrogeräte, die Herzblatt mit dem Verweis „Das geht noch!“ von ausmistenden Bekannten erhält. Da sind die geerbten Blauen Bücher, die geerbten Vasen, die balinesischen Masken des Nachbarn eines Bekannten, die geerbten Bilder …

Genau diese adoptierten Schätzchen, die zwar manchmal nerven, die man aufgrund ihrer Geschichte aber nicht missen möchte, sind Anlass und Motor für slowlifelab.de, das Blog rund um das Wieder- und Weiterverwenden.

Eine Sammlung: Das Museum der Dinge

Blick in den Innenhof der ehemaligen Fabrik, in der das Museum der Dinge untergebracht ist

Blick in den Innenhof der ehemaligen Fabrik, in der das Museum der Dinge untergebracht ist (© Alice Scheerer mit freundlicher Genehmigung des Werkbundachivs – Museum der Dinge)

Vor einem Jahr besichtigte ich das „Museum der Dinge“ in der Oranienstraße in Kreuzberg.

Oberflächlich betrachtet ist das „Museum der Dinge“ ein mit adoptierter Erbstücken ausstaffiertes Altbaustockwerk. In den Vitrinen stapeln sich Nostalgica. Darunter sind Metalldosen von Pelikan und Geha, selbst gebastelte Spielzeug-Handys und unförmige Kofferradios. Sie alle sind gruppiert, aber weitestgehend unkommentiert.

Nostalgiker können die Pflegschaft für ein Ding übernehmen. Anders als bei der zufälligen Adoption von Gegenständen, werden sie im Museum der Dinge nicht genötigt, den Gegenstand mit nach Hause nehmen, einen Platz für ihn zu finden und ihn abzustauben. Er wird mit einer Plakette versehen und verbleibt im Museum. Herrlich2!

Magazin- und andere Printjäger können sich an vergleichsweise handlichen Publikationen laben.

So viele Verpackungen, so viele Produktgeschichten .... (© Alice Scheerer mit freundlicher Genehmigung des Werkbundachivs - Museum der Dinge)

So viele Verpackungen, so viele Produktgeschichten …. (© Alice Scheerer mit freundlicher Genehmigung des Werkbundachivs -Museum der Dinge)

Beim Umherwandern zwischen den Vitrinen juckte es die Produktgeschichtenerzählerin in mir in den Fingern. Was ist aus den Herstellern von Seifen, Spielzeug und Dekorationen geworden? Wer waren die Designer und warum haben sie genau diese Präsentationsvariante gewählt? Ich war ein wenig enttäuscht, dass man die Chance zur Recherche und zum Geschichten erzählen nicht nutzte. Betrachtet man allerdings den Ursprung des Museums, so wird klar, dass es ein ganz anderes Ziel verfolgt.

Die Geschichte des Museums der Dinge

Kampf dem Hurrakitsch!

Kampf dem Hurrakitsch! (© Alice Scheerer mit freundlicher Genehmigung des Werkbundachivs – Museum der Dinge)

Hinter dem scheinbaren Kuriositätenkabinett stecken System und Geschichte. Kernstück des Museums ist das Werkbundarchiv. Der Deutsche Werkbund ist eine bis heute existierende Vereinigung mit Sitz in Darmstadt. Zu den Gründungsmitgliedern im Jahr 1907 gehörten zwölf Künstler und zwölft Unternehmen3.

Vereinfacht gesagt, plante man bereits damals, die Industrie zur Fertigung stabiler und kitschfreier Produkte zu erziehen.

In der Satzung von 1907 hörte sich das so an:

 Der Zweck des Bundes ist die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellungnahme zu einschlägigen Fragen.

Herrmann Hesse schrieb 1912 in der von ihm und Ludwig Thoma herausgegebenen Wochenschrift „März“ über den Werkbund:

Im Deutschen Werkbund arbeiten Künstler mit Handwerkern und Fabrikanten zusammen und zwar gegen den Schund zugunsten der Qualitätsarbeit

Die Aufgabe der ästhetischen Bildung, die sich der Werkbund setzte, führt das Museum der Dinge weiter. Es organisierte und kuratierte die Ausstellung „Böse Dinge“, die erstmals 2009 gezeigt wurde4.

Vor Kurzem wurde Lehrmaterial aus den 50er und 60er Jahren wiederbelebt. In extra angefertigten Kisten präsentierten Vertreter des Werkbundes beispielhafte Alltagsobjekte und Lehrmaterialien zur ästhetischen Bildung der Schüler. Nun setzen sich die Schüler des Ausbildungsgangs zum/zur Technischen Produktdesign-Assistenten/in der Berliner marcel-breuer-schule mit den historischen Kisten theoretisch und praktisch auseinander5.

Vitrine zum Thema 'Gebastelt und Geflickt' (© Alice Scheerer mit freundlicher Genehmigung des Werkbundachivs -Museum der Dinge)

Vitrine zum Thema ‚Gebastelt und Geflickt‘ (© Alice Scheerer mit freundlicher Genehmigung des Werkbundachivs -Museum der Dinge)

Auch die Zusammenstellung der Vitrinen und ihrer Inhalte sollen den Betrachter zur Sachlichkeit bekehren. Bis zur Umgestaltung im Jahr 2011 stellte man im Museum der Dinge lediglich guten und schlechten Geschmack gegenüber. Inzwischen gruppierte man die Sammlung nach verschiedenen Gesichtspunkten, z.B. DDR-Produkte – BRD-Produkte, Selbstbau – Industrieprodukte, echt – unecht6.

Das wichtigste Ziel des Werkbundes bleibt jedoch bis heute unerreicht. Noch immer wird rund um den Globus, unter entfremdeten Bedingungen, gestalterisch und materiell Kurzlebiges produziert. Barbie-Zubehör ist nur die Spitze eines Eisbergs.

Extratipps: Die Frankfurter Küche und eine Wanderung in Berlin

Die Schütten. Ein Detail der Frankfurter Küche  (© Alice Scheerer mit freundlicher Genehmigung des Werkbundachivs -Museum der Dinge)

Die Schütten. Ein Detail der Frankfurter Küche (© Alice Scheerer mit freundlicher Genehmigung des Werkbundachivs – Museum der Dinge)

Ein eigener Raum ist der Frankfurter Küche gewidmet, einer der ersten Einbauküchen. Sie wurde von der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky7 nach Gesichtspunkten der Arbeitsoptimierung, Platzersparnis und Bezahlbarkeit entworfen. Wie im Film ‚Kitchen Stories‘ überzogen dargestellt, versuchte man, den Taylorismus auf die Küche und somit die Hausfrau zu übertragen 8.
Die Bewohner der von der Stadt Frankfurt finanzierten Wohnungen, in die sie eingebaut wurde, hatten keine Wahl. Die Akzeptanz der Küche war dementsprechend mäßig.
Mehr über die Frankfurter Küche steht in der Museumspublikation „Die Frankfurter Küche: Eine museale Gebrauchsanleitung“9.

Wenn man schon mal in Berlin ist und sich für Altes und Vergessenes interessiert, bietet sich die von Sebastian Schürmanns sehr schön beschriebene Wanderung entlang der Südpanke an.

  1. vgl. Sammeln bei Wikipedia.
  2. Mehr zum Thema Dingpfleger werden auf der Website des Museums der Dinge.
  3. Mehr über den Deutschen Werkbund auf seiner Website und bei Wikipedia.
  4. Mehr über die Ausstellung „Böse Dinge“ auf der Website des Museums der Dinge.
  5. Mehr über diese Aktion auf der Website der marcel-breuer-schule
  6. Quelle und mehr Informationen: Website des Museums der Dinge.
  7. Mehr über Margarete Schütte-Lihotzky bei Wikipedia
  8. Nicht ohne historische Grundlage: Der Film Kitchen Stories.
  9. Ein Artikel über die Frankfurter Küche und die Punlikation auf bauhaus.de. Die Publikation selbst kann bei ISUU eingesehen werden.

Autor: Alice Scheerer

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