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Steinzeug ist gut und Steingut ist Zeug

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Odenwälder und Marburger Keramik auf Spitzendeckchen

Odenwälder und Marburger Keramik auf Spitzendeckchen

Neulich kamen wir in lockerer Runde auf das Thema geerbte Möbel. Davon haben wir so einige, zum Beispiel mein Buffet aus Traisa1. Eine Bekannte erzählte Folgendes: „Ich habe auch so ein altes Buffet geerbt. Bevor es zu uns kam, war es makellos. Aber dann hat eine Tasse Wasser gezogen. Nun haben wir einen Ring auf dem Holz.“

Dem aufmerksamen Zuhörer stellen sich zwei Fragen:

  1. Warum ziehen manche Tassen (Kannen, Vasen) Wasser?
  2. Warum hatte das Buffet bisher keine Flecken?

Hier ein paar Antworten und Geschichten rund um das Thema Keramik.

Scherben

Wer sich mit Keramik beschäftigt, kommt an keramischen Fachbegriffen nicht vorbei. Dort bezeichnet man keramische Massen bereits am Anfang ihres Lebenszyklus als „Scherben“.

Scherben, der: Als den Scherben bezeichnet man das für die Herstellung keramischer Erzeugnisse oder keramischer Massen gebrannte Gemisch verschiedener Mineralien und Beimischungen. Quelle: Wikipedia über den Begriff Scherben

Der Begriff„Scherben“ hat sich verschiedentlich in die regionalen Sprachgebrauch und in die Sprachen unserer Nachbarländer eingeschlichen. Im Süddeutschen Raum und in Österreich bezeichnet „Scherben“ einen Nachttopf. In der Slowakei trägt der Nachttopf den Namen „šerbe?“. Sehr schön ist auch die Redewendung „Der hat den Scherben auf“ für „Im Schlamassel stecken“ 2.

Möglicherweise gelangte das Wort „Scherben“ durch italienische Porzellanarbeiter von Thüringen nach Italien und kam als Bezeichnung für feuerfesten Kunststein, „Schamotte“ zurück. 3.

Je nach der Zusammensetzung des Scherben ist dieser unterschiedlich gefärbt. Die Farbtöne reichen von reinweiß über gelb bis dunkelrot.

Steinzeug ist gut und Steingut ist Zeug

Warum kann Steingut Wasserränder hinterlassen?

Warum kann Steingut Wasserränder hinterlassen?

Nicht jede frisch gespülte Tasse macht Wasserränder. Viele der heute verkauften Tassen ist entweder aus Steinzeug oder aus Porzellan. Beide Materialien nehmen kein Wasser auf und geben daher auch keines an Möbelstücke ab. Denn Gefäße aus Sinterzeug, zu dem Steinzeug und Porzellan gehören, werden so heiß gebrannt, dass der Scherben sintert. Beim Sintern verschmelzen die im Scherben enthaltenen Mineralkristalle zu einer glasartigen Masse mit maximal 3% Wasseraufnahme4.

Ungesinterte Erbstücke oder Erinnerungsstücke aus lokalen Töpfereien lassen sich einer der Unterkategorien von Irdengut (bzw. Irdenware) zuordnen[30: Eine sehr schöne Einleitung und Übersicht rund um das Thema Irdenware findet sich bei „Sammlungen und Sammler„].

Dazu gehören zu Beispiel die bis heute beliebten Majolika aus Mallorca und Fayencen aus Delft5.

Eine unbestimmte Art von Irdengut kennen einige auch aus dem Töpferkurs und erinnern sich spätestens jetzt an die tolle Vase, die leider nicht benutzt werden kann, weil die Zeit zum Glasieren fehlte.

So lange die Irdenware komplett glasiert ist und die Glasur intakt, bleiben die Möbel trocken. Probleme treten nur bei unglasierter Stellfläche oder poröser Glasur auf.

Dass Irdenware nicht sintert, kann zwei Gründe haben:

  1. Der verwendete Scherben kann meistens nicht so hoch erhitzt werden, beispielsweise, weil er dann seine Form verliert.
  2. Der Ofen wird nicht heiß genug. Steinzeug sintert, je nach Zusammensetzung, erst ab 1150 bzw. 1200 °C.

Industriell hergestellte, aber im Zweifelsfall Wasser aufsaugende Tassen und Gefäße bestehen heute meistens aus Steingut.

Firmengeschichte: Vom Steingut zu Charles Darwin

„JosiahWedgwood“ von Joshua Reynolds - WWW. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:JosiahWedgwood.jpeg#mediaviewer/File:JosiahWedgwood.jpeg

„JosiahWedgwood“ von Joshua Reynolds – WWW. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:JosiahWedgwood.jpeg#mediaviewer/File:JosiahWedgwood.jpeg

Die Gebrauchseigenschaften von Steingut ähneln denen von Porzellan. Es lässt sich leicht und dünn formen und glatt glasieren. Sein Scherben ist nur wenig dunkler und schwerer. Steinzeug lässt sich erst seit wenigen Jahren nahezu ähnlich verarbeiten.

Die Rezeptur für das bis heute bekannte Steingut wurde um 1750 in der Region Staffordshire entwickelt. Man suchte nach einem Material das günstiger zu produzieren war als Fayencen und das Porzellan ähnelte. Einer der bekanntesten Produzenten war Josiah Wedgewood. Er war nicht nur Topfer, sondern auch kreativer Geschäftsmann: Er wird als Erfinder des modernen Marketings bezeichnet, insbesondere Direktmail, Geld-Zurück-Garantie, Selbstbedienung und illustrierte Kataloge sollen auf seine Ideen zurückzuführen sein6. Durch die Beigabe von „Ball Clay“7 und am Zeitgeist orientiertes Design gelang es ihm, ein Imperium aufzubauen.

Josiah Wedgewood war der Großvater von Charles Darwin. Dessen Forschung wurde maßgeblich durch günstige Heiraten innerhalb der Familien Wedgewood-Darwin und daraus resultierenden Erbschaften finanziert 8

„DarwinGaltonClan“ von Carol.Christiansen - Eigenes Werk. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:DarwinGaltonClan.jpg#mediaviewer/File:DarwinGaltonClan.jpg

„DarwinGaltonClan“ von Carol.Christiansen – Eigenes Werk. Lizenziert unter Public domain über Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:DarwinGaltonClan.jpg#mediaviewer/File:DarwinGaltonClan.jpg

Eine Erfindung befeuerte den Ausbau der Steingut-Produktion zusätzlich: Die des Wasserklosetts. Zuerst wurde Sanitärkeramik aus Steingut in Großbritannien hergestellt. Als das Wasserklosett um die Jahrhundertwende langsam Einzug in die Bauvorschriften hielt, beginnt auch in Deutschland der Wettlauf um die Vorreiterschaft in der Sanitärkeramikproduktion. Einige Hersteller aus Großbritannien finden eine Lösung, um die Einfuhrzölle zu umgehen. So gründen Thomas William Twyford in Ratingen, Alfred Johnson in Wesel und seine Vettern, die Gebrüder Johnson, in Flörsheim Keramikfabriken. Aus dem Zusammenschluss der Fabriken entsteht die bis heute in Deutschland ansässige Firma KERAMAG9.

Spitzendeckchen als Lösung

Spitzendeckchen aus dem Sozialkaufhaus

Spitzendeckchen aus dem Sozialkaufhaus

Auch in unserem Haushalt gibt es Gefäße aus Steingut. Ein paar davon stehen sogar im Buffet aus Traisa. Sie werden eher selten benutzt und dementsprechend nicht so oft gespült, trotzdem habe ich zur Sicherheit Spitzendeckchen untergelegt. Im dunklem Buffet kommen sie auf diese Weise auch besser zur Geltung.

In vielen Blogs wird nach Verwendungsmöglichkeiten für Häkeldeckchen und Co. gesucht. Vermutlich werden sie irgendwann komplett zu Stencils und Schüsselchen umgewidmet sein. Ein paar davon habe ich gerade noch im Sozialkaufhaus erwischt. So viele haben wir nämlich gar nicht geerbt.

Produktgeschichte: Erfolg mit undichten Gefäßen

Apothekerflasche, allerdings nicht von Herr-Keramik

Apothekerflasche, allerdings nicht von Herr-Keramik

Eine Firmen- und Produktgeschichte, auf die ich bei der Recherche rund um das Thema Steinzeug- und Steingut gestoßen bin, ist die der Firma Herr-Keramik aus Bogen10.

Beruflich frustriert, inspiriert von einer Bekannten, die als Kunstkeramik anfertigte und ein kleines Büchlein, das er zufällig im Bücherschrank fand, begann Anton Herr Senior mit dem Aufbau einer Töpferwerkstatt. Franz Sedlmayer aus Waldmünchen, der als Hafnermeister (Kachelofenbau-Meister) eigentlich nur den Kachelofen reparieren sollte, unterstützte ihn fachlich. Eine motorgetriebene Tröpferscheibe baute er aus Auto- und Schiffsteilen selbst. Die Militärregierung in Regensburg stellte ihm 1946 eine Lizenz für die Führung eines „kleingewerblichen Industriebetriebs“ aus, für die er keinen Meisterbrief benötigte.

Trotz fachlicher und tatkräftiger durch diverse Keramiker, dauerte es sehr lange, bis annehmbare Produkte entstanden.

Ich war wie ein Reiter, der viele Hunderte Male vom Pferde stürzt und immer wieder aufsitzt! Anton Herr in einem Interview

Schlechter Ton und unterschiedliche Kohle-Qualität taten ihr übriges. Aber es ging stetig bergauf. Der Kohleofen wurde gegen einen Elektroofen getauscht, die Gebäude wurden erweitert …

1948 kam der erste Großauftrag. Anlässlich des Volksfestes sollten mit dem Stadtturm von Straubing dekorierte Vasen produziert werden. Bestellt wurde vor, bezahlt wurde nach der Währungsreform. Eine solche Bezahlung als Anschubfinanzierung hatte nicht jedes Unternehmen.

Rissige Glasur lässt den Likör diffundieren

Rissige Glasur lässt den Likör diffundieren

Ein besonderes Kennzeichen der frühen Produkte aus Bogen war ihre Gebrauchsuntüchtigkeit. Die Glasuren wiesen durchgängig Craquelée, also Risse auf. Trotzdem bestellten Ärzte und Apotheker die vorgeschriebene Menge an Aufbewahrungstöpfen bei der Firma Herr. 1958 fertigte Herr-Keramik das Gefäß Nr.14 , Boppard an. Für jede Apotheke in Deutschland. Noch heute sind die hübsch verzierten Gefäße als Dekoration in vielen Apotheken zu finden. Benutzt wurden sie wohl nie.

Erst 2005 gab man die Produktion von Manufakturwaren auf. Als Möltner-Herr GmbH konzentrierte man sich fortan auf hochwertige Dachkeramik. 2008 verstarb Anton Herr Senior . Sein Sohn hat sich ebenfalls zur Ruhe gesetzt. Die Möltner & Herr GmbH hat inzwischen 50 Mitarbeiter.

  1. Im Blogpost rund um die Firma Zeiss und ihre Brillengläser ist das Buffet ja auch abgebildet.
  2. Quelle: ebenfalls Wikipedia über Scherben.
  3. Quelle und mehr über Schamotte auf Wikipedia.
  4. Quelle: Wikipedia über Keramikfliesen.
  5. Mehr über Delfter Keramik auf Wikipedia.
  6. Quelle: Quelle: Englischsprachiges Wikipedia.
  7. Mehr über das interessante Material Ball Clay bei Wikipedia.
  8. Quelle: Wikipedia über Josiah Wedgewood.
  9. Website von Keramag
  10. Quelle und mehr auf „http://www.herrkeramik.de/“. Die Seite wurde absichtlich nicht aktiv verlinkt, denn sie wurde offensichtlich gehackt und enthält, neben interessanten Informationen, leider sehr viele Links zu Online-Kasinos.

Autor: Alice Scheerer

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Ein Kommentar

  1. Ich hätte noch ein paar Häkeldeckchen abzugeben…von 3 Omas gesammelt…und jetzt weiss ich warum. LG Anja

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