slowlifelab und die Postwachstumsökonomie

SlowLifeLab

Laboratorium für Traditionelles und Historisches

slowlifelab und die Postwachstumsökonomie (Folge 3 von 3)

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Dies ist der dritte Teil einer Artikelserie zum Thema Postwachstumsökonomie auf slowlifelab, basierend auf einem Vortrag von Professor Dr. Niko Paech am 10.01.2013 in der Stuttgarter Zentralbibliothek.

Wieso hier?

Was macht das Thema Postwachstumsökonomie in einem Blog für Historisches und Traditionelles?

Wenn ich schon über Postwachstum schreibe, sollte ich das Blog nicht wieder mit seinem ursprünglichen Claim versehen und es „Laboratorium für Re-Skilling und Selbstversorgung“ nennen? Das passt doch prima zu Paechs Zukunftsvision.

Oberflächlich betrachtet ist das richtig. Wenn sich aber die Wirtschaft an einen vergangenen Zustand annähert, werden dann nicht auch Wirtschaftswissen und Artefakte aus der Vergangenheit wieder aktuell?

Vom Schattenmarkt lernen

Die meines Erachtens nach zentrale Bemerkung machte einer der Senioren in der anschließenden Diskussionsrunde1

„Tauschwirtschaft und Nachbarschaftshilfe, das gibt es schon immer. Aber nennt der Staat das nicht Schwarzarbeit?“

Viele der Fähigkeiten, die ein Leben nach dem Wachstum von uns verlangt, können wir von ehemaligen Schwarzhändlern und Schwarzarbeitern lernen, beispielsweise das Netzwerken, die immerwährende Beobachtung von Angebot und Nachfrage und das schnelle Reagieren, wenn man die Nachfrage nach einem plötzlich gefragten Gut oder einer gefragten Tätigkeit erfüllen kann.

Auch die Erfahrung von regulären Unternehmern jenseits der globalisierten, arbeitsteiligen Produktion kann plötzlich wieder gefragt sein. Darum recherchiere ich gerne nach der Firmengeschichte historischer Werkzeuge.

Neu kaufen und teilen?

Angesichts der aktuell vor geplanter Obsoleszenz strotzenden Produkte erachte ich auch die Nutzung bewährter und auch historischer Werkzeuge und Produktionsmittel für angemessen. Wie in der aktuellen Diskussion um den Mangel an Fachkräften, der an Absolventenzahlen festgemacht wird, scheint auch Prof. Dr. Paech zu vergessen, dass bereits vor 60 Jahren Werkzeuge produziert wurden, von denen bis heute nicht alle verschlissen und viele exzellent wartbar sind.

Es müssen nicht grundsätzlich neue Produkte und Werkzeuge gekauft und geteilt werden, meistens reicht es, Altes und Bewährtes zu finden und zu reaktivieren.

Soziale Diffusion von oben nach unten?

Auf eine weitere Frage, die nach Maßnahmen, um die ganze Bevölkerung zu dieser neuen Lebens- und Arbeitsweise zu überzeugen, antwortete Paech, dass sich das Verhalten durch soziale Diffusion von oben nach unten verbreiten würde.

In diesem Moment fühlte ich mich schlagartig an eine Familie erinnert, die was Selbstversorgung betrifft, eines unser größten Vorbilder ist. Sie ist gehört zur weitestgehend vergessenen, bzw. nicht erwähnten Landbevölkerung ohne landwirtschaftlichen Betrieb. Im vom Großvater vor Jahrzehnten angelegten Garten wachsen Bohnen, Rhabarber, Tomaten, Zucchini, Gurken. Gewürze und vieles mehr. Eier und Fleisch liefern ca. 10 Kaninchen und ebenso viele Hühner. Ein Zubrot zur Arbeitsstelle wird durch den Verkauf sortierter Altmetalle an den Schrotthändler generiert. Fehlt etwas oder ist etwas kaputt, so wird es selbst repariert, neu gebaut oder im Bekanntenkreis gefragt, ob jemand so etwas gerade abgeben möchte. Hier weiß jeder, was eine Fräse und eine Rolle ist und ab wann man Rhabarber nicht mehr essen sollte. Soziale Diffusion von den Eliten nach unten? Ich sehe es eher als Diffusion von beiden Seiten oder als Wissenskreislauf.

Wenn es sich bisweilen auch gut versteckt: Das Wissen ist in unserer Gesellschaft noch vorhanden, wir müssen es nur finden. Eine Aufgabe, der ich mich gerne widmen möchte.

Unsere praktischen Erfahrungen

Nach zwei Jahren eigener Erfahrungen mit Selbstversorgung aus dem Garten (von denen noch viel zu wenig verbloggt wurde) und Gesprächen mit Vorbildern wächst, vorsichtig formuliert, ein Verdacht in mir. Der Verdacht, dass die Abkehr von der Spezialisierung unsere Freizeitkultur auch bei verringerter geldbasierter Arbeitszeit verändern wird. Anders als Konsumaktivitäten kann Gartenarbeit nicht online oder am späten Abend erledigt werden. Ein Museum besuchen oder einfach faulenzen, so lange die Sonne scheint? Unmöglich, schließlich muss geerntet und Unkraut gerupft werden. Auch Hausaufgaben und Lernen mit den Kindern müssen minutiös eingeplant werden. Schließlich ist es am Nachmittag hell und außerdem sollen die Kinder auch Gartenarbeit und Handwerkstechniken lernen.

Zudem ist der Aufbau der von Paech als notwendig erachteten lokalen Netzwerke gerade für die bisher geforderten mobilen und daher oft entwurzelten Fachkräfte kompliziert. Sicherlich kennen wir Handwerker, Produktionsmittelbesitzer und potenzielle Helfer aller Art. Allerdings sind sie über ganz Deutschland verstreut und bisher nur mit dem Auto gut erreichbar.

Ausblick

Paechs Zukunftsprognose ist eine von vielen Möglichkeiten. Sie passt zu der Zukunftsvision, auf die wir uns vorbereiten. Vielleicht kommt alles auch ganz anders.

Ansonsten bin ich sehr gespannt, welche Wechselwirkungen sich bei ihrer Umsetzung ergeben werden.

Abspann
Den Verfasser des Tweets, der unter @slowthefilm für einen sehenswerten Kinofilm twittert, habe ich in Stuttgart leider nicht getroffen. Man könnte sagen, dass die Verlängerung der Nutzungsdauer meines Handys schuld daran ist. Genau im richtigen Moment stellte es sich taub und behauptete, kein Netz zu empfangen. Genauer betrachtet hätte ich aber früher darauf kommen können, dass es lediglich neu gestartet werden muss. Ich hatte mir zwar vorher Fotos des Gesuchten angesehen, aber wer Profilbilder kennt, weiß, dass sie oft wenig mit dem realen Aussehen der Person zu tun haben.

  1. Diese ist im Mitschnitt leider nicht enthalten.

Autor: Alice Scheerer

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