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Der Autor Joachim Kurz im SlowLife-Interview

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Der Autor, Journalist und Filmkritiker Joachim Kurz

Der Autor, Journalist und Filmkritiker Joachim Kurz

Aus der Feder von Joachim Kurz stammen Sachbücher wie Bugatti: Der Mythos. Die Familie. Das Unternehmen., ‚Der schöne Mann: Playboys, Dandys, Lebenskünstler‘ und ‚Die Rothschilds und der Wein – Eine Erfolgsgeschichte aus Bordeaux‘, sowie Drehbücher für Film und Fernsehen. Außerdem ist er einer von drei Geschäftsführern des Arthouse-Portals kino-zeit.de. Kino-Zeit hat es sich zum Ziel gesetzt, Aufmerksamkeit auf die Filme zu lenken, die sonst in der Masse untergehen. slowlifelab sprach mit ihm über Matchbox-Autos, Bugatti und extravagante Männer.

Herr Kurz, Sie haben ein Buch über die Familie Bugatti geschrieben. Anders als man vom Namen her annehmen könnte, wurden die Wagen der Marke Bugatti nicht in Italien hergestellt, sondern im elsässischen Molsheim.

Joachim Kurz: Genau das war mein Ansatzpunkt. Mein Vater hatte ein paar Matchbox-Autos vom Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger. Die Serie hieß „Model of Yesteryear“1. Und so ein Kleines, Blaues, Schnittiges war mein Lieblingsauto. Das war ein Bugatti.

Ich habe immer gedacht, dass das ein italienisches Fabrikat ist. Irgendwann habe ich mal nachgeschaut, und festgestellt: „Das ist ja hier um die Ecke!“. Im nächsten Schritt dachte ich mir:

Wenn Bugatti hier um die Ecke ist und mich so lange begleitet, dann schau ich mal nach, was da an Geschichten versteckt ist.

Ich hatte damals angefangen, mit einer Literaturagentin zusammenzuarbeiten. Die wollte erst mal nicht „Das kriege ich nie im Leben hin“. Das war auch eine geschlechtsspezifische Sache. Auto, das ist ja was Langweiliges. Dafür habe ich keine Kontakte. Mitten im Sommerurlaub rief sie mich an und verkündete, dass sie das Buch untergebracht hat. Der ECON-Verlag hatte eine Lücke im Programm.

Ich hatte drei Monate Zeit.

Drei Monate ist aber sehr knapp …

Joachim Kurz: Ich habe als Ghostwriter angefangen. Das waren immer Projekte, die schon halb schiefgelaufen waren und eine enge Deadline hatten. Oft wusste ich morgens, das ich bis zum Abend 20 Seiten schreiben muss. Deswegen habe ich keine Angst mehr vor dem weißen Blatt. Dass ich schon eine Struktur hatte und wusste, wo die Quellen waren, hat mir natürlich geholfen.

Schreiben Sie den Text direkt druckreif auf oder notieren Sie Abschnitte und fügen sie im nächsten Durchgang zusammen?

Joachim Kurz:: Ich fange immer mit dem Teil an, auf den ich Lust habe. Das ist eine ganz gute Methode, um reinzukommen. Dann muss ich halt nur noch die Teile machen, die nicht so viel Spaß machen. Aber da bin ich ja schon drin.

Ich schreibe eigentlich relativ druckreif. Natürlich geht man dann in einem Korrekturgang drüber, aber ich ringe nicht dramatisch nach Worten.
Andererseits sage ich auch immer zu meinen Lektoren, dass sie relativ freie Hand haben. Sie sollen mir nur Bescheid geben, wenn sie wirklich große Eingriffe in den Text machen. Wenn ein Komma oder eine Satzstellung nicht passt, ist dass nicht schlimm. Die Lektoren sind von meiner Einstellung oft überrascht. Das hat damit zu tun, dass ich als Ghostwriter angefangen habe. Da ist man an Einflussnahmen gewöhnt.

Ghostwriting ist das Uneitelste, was man als Autor machen kann. Man steht nicht mal mit dem eigenen Namen drauf. Joachim Kurz

Sie haben auch ein Buch über ’schöne‘ Männer geschrieben …

Joachim Kurz: Das war eigentlich ganz anders geplant. Ich wollte eine Kulturgeschichte der männlichen Extravaganz schreiben. In eine kulturphilosophische, kulturhistorische Richtung. Design hat auch immer gewisse Kunstmerkmale. Auch der Selbstmarketing-Aspekt der Extravaganz hat mich interessiert. Seine Haut zu Markte tragen, über die Kleidung Rollenzugehörigkeit, soziale Zugehörigkeit ausdrücken …. Wie man damit spielen kann und Nuancen reinbringt.

Die Flaneure, wie sie Walter Benjamin beschrieb2, die mit der Schildkröte an der Leine spazieren gingen, haben sich inszeniert. Das war eine Dandyistische Gegenbewegung gegen die Industrialisierung mit ihrem immer enger werdenden Zeittakt. Sie haben die Schildkröte als Symbol genommen, um zu zeigen: „Ich habe etwas, was ihr nicht habt. Ich nehme mir die Zeit, meine Schildkröte spazieren zu führen“.

Auch diesmal hat meine Agentin gesagt, dass es ein bisschen schwierig werden könnte. Dann kam ich mit dem Knesbeck-Verlag zusammen. Die schlugen vor, Einzelportraits an Stelle der großen Kulturgeschichte zu schreiben. Ich habe das Buchkonzept daraufhin geändert.
Ich muss sagen, im Nachhinein war das gar keine schlechte Entscheidung. Es fehlt zwar viel theoretischer Überbau, aber dadurch bin ich ein bisschen vom Bücherschreiben weggekommen und arbeite mehr journalistisch, in kürzeren Formen. Fünf-Seiten-Texte fallen mir inzwischen leichter.

Kam der Titel auch nachträglich? Nicht jeder Dandy ist ein schöner Mann.

Joachim Kurz: Ja, das ist das Problem an diesem Buch. Über den Titel und das Foto habe ich lange mit dem Verlag diskutiert. Das Argument des Verlages war „Die Vertreter wollen das so“. Er hat sich letztendlich durchgesetzt. Meiner Meinung nach geht es bei Dandys nicht um Schönheit, sondern um Haltung. Die Diskrepanz zwischen Titel und Inhalt hat dem Buch schlechte Bewertungen bei Amazon eingebracht. Beim zweiten Buch hat der Verlag auf mich gehört 3.

Und wie hat die Beschäftigung mit Dandyismus Ihre Haltung geprägt?

Joachim Kurz blickt an sich herunter. Man wählt natürlich immer Themen, die einem nahe sind.

Können wir aus der Geschichte lernen? Oder ist die Geschichte einfach vergangen und wir müssen die Zukunft selber machen?

Joachim Kurz: Ich bin Anhänger einer Haltung, die „kollektives Gedächtnis“4 heißt. Ich nehme aus Geschichte immer ganz viel. Allein unser Weltbild ist von zweitausend Jahren Christentum geprägt. Und selbst wenn wir Atheisten sind, kommen wir an dieser Prägung nicht vorbei.

Andererseits muss man auch manchmal loslassen können. Ich beschäftigte mich mit wahnsinnig vielen verschiedenen Themen. Wenn ich Festivals besuche, schaue ich einem Tag über drei oder vier thematisch unterschiedliche Kinofilme.

Meine Frau ist mal mitgegangen, weil sie wissen wollte, was ich so mache. Zwei Tage lang hat sie meinen Rhythmus mitgemacht. Abends hat sie im Hotelzimmer gesessen und geweint. Gerade die Independent-Filme drehen sich oft um schwierige, aufwühlende Themen. Man ist mit so viel Elend konfrontiert. Deswegen schreibe ich auf Festivals gleich mit. Wenn ich es zu Papier gebracht habe, kann ich es von meinem Festplattenspeicher löschen.

Schreiben Sie in ein Notizbuch, oder gleich in einen Rechner?

Joachim Kurz: Ich schreibe gleich in die Maschine. Ich sollte mehr Notizen machen, aber ich komme nicht dazu.
Kleist schrieb über die Verfertigung der Gedanken beim Reden. Ich denke mit der Tastatur. Oft formuliere ich auch schon im Kopf , während ich eigentlich etwas anderes mache.

Die Standard-Frage, die jedem Interview-Partner gestellt wird: Welches Verhältnis haben Sie zu alten Gegenständen und Erbstücken? Sind Sie Bewahrer oder Ausmister?

Joachim Kurz:: Auf jeden Fall Bewahrer. Ich habe relativ viele alte Sachen zu Hause. Wenn wir etwas kaufen, dann auch eher ältere Möbel. Das neue Sofa war eine Ausnahme.

Und wie ist es mit alten Sachbüchern?

Joachim Kurz: An älteren Sachbüchern kann man erkennen, aus welcher Perspektive man das Thema früher betrachtet hat. Eines meiner Lieblingsbücher ist „Die Kulturgeschichte der Neuzeit“ von Egon Friedell. Friedell ist eines meiner Idole, weil er Privatgelehrter5 war.

Wenn ich mir einen Beruf aussuchen könnte, so wäre ich Privatgelehrter. Joachim Kurz

Natürlich stimmen einige Darstellungen im Buch heute nicht mehr, aber ich lerne, wie eine bestimme intellektuelle Schicht der damaligen Zeit gedacht hat. Das ist sehr inspirierend. Zudem ist das Buch in den Zwanziger-, Dreißiger Jahren geschrieben worden. Das ist eine Zeit, in der ich gerne gelebt hätte. Ich denke manchmal, ich lebe im falschen Zeitalter.
Die einzigen Romane, die ich lese, sind entweder in der Zeit geschrieben wurden oder spielen in dieser Zeit.

Sie haben ein Buch über Bugatti geschrieben. Schrauben Sie auch?

Joachim Kurz: Ich habe tatsächlich mal damit angefangen, bis ich merkte, dass ich zwei linke Hände habe. Ich finde Fahren eigentlich gut, aber Schrauben brauche ich nicht.

Es ging auch eher um die Kulturgeschichte als um Bedienungsanleitungen. Bugattis waren zudem unheimlich schwer anzulassen. In den Dreißigern waren sie ja schon relativ weit entwickelt. In einer Anlassanleitung für einen Bugatti las sich damals ungefähr so: „Auto aufbocken und alles Öl in ein Gefäß ablassen. Dann das Gefäß auf 80 °C erhitzen und das Öl wieder einfüllen. Dann den Motor drei mal drehen, dass alles schön geschmiert ist.“ Darauf folgten noch drei bis fünf andere Schritte. Ich glaube, da waren drei bis vier Mann nur damit beschäftigt das Auto zu starten, bis dann der Herrenfahrer mit den weißen Lederhandschuhen einstieg.

Das war eine Zeit, in der man noch Zeit hatte. Auch beim Autofahren.

Ich habe hier in Speyer in einer Garage noch eine alte Kiste stehen, die aber auseinander geschraubt ist. Ich weiß nicht, ob ich die jemals wieder zusammen kriege.

Wenn Sie kein Schrauber sind, sind Sie denn ein Renovierer?

Joachim Kurz: Nein, auch nicht. Ich kaufe lieber schöne Dinge. Zum körperlichen Ausgleich möchte ich aber gerne mehr im Haus selber machen. Wir haben ein relativ altes Haus, da fällt immer genug an. Aber, wie gesagt: ich halte mich für relativ unpraktisch.

Mehr von und über Joachim Kurz:

Kino-Zeit.de
Joachim Kurz im Romanbüro

Bücher

Ettore Bugatti machte mit 17 Jahren eine Lehre in der Fahrrad- und Dreiradfabrik Prinetti & Strucchi. Mit Siebzehn gewann er den Grand Prix von Mailand mit einem selbst konstruierten Automobil. Ins Elsass kam Ettore Bugatti durch den Motorwagenhersteller Baron Eugène de Dietrich, der den damals Einundzwanzigjährigen als technischen Leiter seiner Automobilproduktion einstellte. Auch nach einigen Arbeitgeberwechseln blieb Bugatti dem Elsass treu und eröffnete 1910 sein eigenes Unternehmen, Automobiles Ettore Bugatti. Als das Elsass nach dem ersten Weltkrieg an Frankreich fiel, führte er sein Unternehmen am gleichen Standort weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte sein Sohn Rolando Bugatti nicht an den Erfolg der Vorkriegsmodelle anknüpfen und die Produktion wurde nach und nach eingestellt. Seit 1998 besitzt der Volkswagen-Konzern die Design- und Namensrechte der Marke Bugatti. Noch heute werden die Wagen in Molsheim produziert. Mehr über die Familie Bugatti im Buch von Joachim Kurz. Zurück
  1. Der Wikipedia-Eintrag über Matchbox enthält einen Abschnitt über die Serie „Models of Yesteryear“. Modelle dieser Serie haben inzwischen Sammlerwert.
  2. Mehr über die literarische Figur des Flaneurs bei Wikipedia.
  3. Das Buch heißt „Liebe am Set, Legendäre Filmpaare“
  4. Wer den Begriff noch nicht kennt: Hier der Eintrag über das Kollektive Gedächtnis bei Wikipedia.
  5. Wikipedia weiß mehr über den Privatgelehrten.

Autor: Alice Scheerer

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Ein Kommentar

  1. Tolles Interview! Für mich ist es besonders interessant, auch etwas über den Schreibprozess von Herrn Kurz zu erfahren – pragmatisch und effizient. Das geht sicherlich nur auf der Basis von viel Erfahrung. Und man sieht, wie viel Arbeit dahinter steckt, so weit zu kommen… „Keine Angst vor dem weißen Blatt“ :-)

    Insgesamt finde ich deine Seite sehr schön und inspirierend. Ich werde sicher noch häufiger hier schmökern!

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