SlowLifeLab

Laboratorium für Traditionelles und Historisches

SlowLife-Interview mit Petra vom Blog Deeprooted

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Deeprooted and built with love in 1895.

Deeprooted and built with love in 1895. (© deeprooted)

Petra von Deeprooted ist eine der wenigen europäischen Bloggerinnen, die über ein Haus mit Geschichte bloggen. Anders als ich bloggt sie jedoch nicht über einen gekauften Altbau, sondern über das Haus, das ihre Urgroßeltern selbst gebaut haben.

Ihre Großmutter hatte das Haus kurz nach dem Tod ihres Ehemanns verkauft. 94 Jahre alt und finanziell unerfahren, war sie weder mit den Konsequenzen, noch mit dem Verlauf einer Verkaufsverhandlung vertraut. So besprach sie beispielsweise den Verkauf nicht mit allen Familienmitgliedern und akzeptierte den Kaufpreis ohne Gegengutachten.

Nun möchte sie den Kaufvertrag gemeinsam mit Petra rückgängig machen, beziehungsweise das Haus zurück erwerben. Dies erweist sich als schwieriges Unterfangen.

Liebe Petra, beginnen wir mit einer Standardfrage im SlowLifeInterview: Welches Verhältnis hast Du zu alten Gegenständen und Erbstücken? Bist Du ein Bewahrer oder Ausmister?

Petra: Bewahrer (aber mit klarem Blick;). Seit gut 20 Jahren verbringe ich einen Teil meines Lebens in Paris, und die wesentlich engeren Wohnverhältnisse dort haben meinen Blick auf Unnützes wesentlich geschärft – so muss das gute Stück funktionell sein!

In unserem Haus kam es ganz natürlich seit jeher vor allem auf Funktionalität und Qualität an, und das innen und außen.

Obwohl mein Urgroßvater einen ‚geistigen‘ Beruf hatte, war er ein einfacher und schlichter Mensch, der sich mit wenig ‚Materiellem‘ umgab. Zudem gab es auch schon damals den großen Garten, der vor allem dazu diente, die Familie zu ernähren, und auch dort blieb wenig Platz für Überflüssiges.

Schlicht und zweckmäßig:  Wäscheleine und Sichtschutz im Garten

Schlicht und zweckmäßig: Wäscheleine und Sichtschutz im Garten. (© deeprooted)

Das verfolgte sich weiterhin über die kommenden Generationen. So hänge ich heute fast an jedem der wenigen Gegenstände die bewahrt wurden, da jeder einzelne von guter Qualität ist und mit einem Blick auf Dauer liebevoll ausgewählt wurde. Wir lebten immer schon sparsam, und einzelne Objekte sind auch selbst hergestellt, wurden sorgfältig gepflegt und dienen bis heute! Das reicht von meinem ersten Schlitten, über einen Hammer, bis zu den maßgefertigten Regalen unseres Küchenstübchens.

Natürlich gibt es bei uns auch einige wenige Dinge, die zu nichts ‚nützen’: ein oder zwei ausgesuchte Scherenschnitte, von meiner Großmutter gefertigt, hängen and der Wand und einige, von meinem Großvater selbstgedrechselte Kerzenständer stehen auf dem Regal unseres Bücherschranks. Diese Objekte füllen jedoch nicht, sondern beleben, da sie in der Minderheit sind – und zudem ebenfalls schlicht und natürlich. Es gibt auch einige Schmuckstücke, zeitlos schöne, von denen ich mir etwas aussuchen durfte. So trage ich, während ich dies schreibe, eine einfache Armbanduhr meines Großvaters.

In unseren ‚alten’ Gegenständen steckt für mich ein wertvolles Stück Geschichte, es sagt für mich etwas über das Leben und den Charakter der Person die das Objekt baute oder erwarb aus, und darüber, wie es benutzt wurde. Ein Stück von ihr lebt weiter.

Einfach, aber geschmackvoll: Die Kleiderhaken

Einfach, aber geschmackvoll: Die Kleiderhaken. (© deeprooted)

Gibt es Erb- oder Fundstücke, die Du bewusst wiederverwendest?

Petra: Eigentlich gebrauche ich so ziemlich alle ‚alten’ Objekte die sich im Haus befinden ;) Für mich soll ein Objekt kein Dekorum darstellen, sondern der Person nützen und natürlich gefallen. So benutzte ich gerne alte Backschüsseln (sehr leicht und gut abzuwaschen), spezielle alte Formen (Z.B. eine um Eierkäs herzustellen), unsere beiden Holzöfen, die alten Brettchen für das Butterbrot, und unsere dickbauchigen Zink Wärmflaschen, mit einer dicken Stoffhülle versehen, sind perfekt um das Bett vorzuwärmen.

In Petras Familie werden bis heute verzinkte Wärmflaschen verwendet.

In Petras Familie werden bis heute verzinkte Wärmflaschen verwendet. (© deeprooted)

In der Küche unseren Wasserboiler (da habe ich nicht die Wahl), ein Korbsessel mit abnehmbaren Topfeinsatz hat sowohl meiner Urgrossmutter als auch Großmutter gut gedient, als beide zeitweise schlecht aufstehen konnten. Sämtliche Schränke und Kommoden (selbst wenn ein oder zwei Türen ein bisschen klemmen) sind in täglichem Gebrauch, meine Mutter schläft in dem ehemaligen schönen alten Bett meiner Urgrossmutter (frisch angestrichen und mit einer modernen Matratze versehen), und auf den alten Stühlen sitzen wir alle immer noch am liebsten!

Auf dem Speicher stehen unter anderem noch Objekte, wie eine (Zink) Wanne und verschieden Waschschüsseln, die ich gerne in Gebrauch nehmen möchte!

Du möchtest das über 100 Jahre alte Haus Deiner Familie retten. Gibt es dafür Gründe, die über Dein persönliches Interesse hinausgehen? Zum Beispiel Zeitgeschichte bewahren, Denkmalschutz …

Petra: Beides. Ich versuche gerade zu erfahren, ob es möglich ist, das Haus unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Es erfüllt im Prinzip die Grundbedingungen, vor allem das Alter (118 Jahre) und der Ursprungszustand, der seit dessen Erbau kaum verändert worden ist, jedoch ist gar nicht sicher dass der neue Besitzer (eine Firma) dem zugeneigt ist. Da dieser ebenfalls überörtlich als großer Arbeitgeber ‚etwas zu sagen’ hat, ist auch nicht sicher, ob der Stadtrat einwilligt. Eventuell plane ich, eine Petition aufzusetzen, um de Antrag zu unterstreichen und zu verstärken.

Zudem, und wie der Name des Blogs besagt: „tief verwurzelt“, so wie unsere Familie mit dem Ort.

Urgroßeltern - Urgroßmutter, Ur-Urgroßmutter und Großmutter

Urgroßeltern – Urgroßmutter, Ur-Urgroßmutter und Großmutter. (© deeprooted)

Unser Haus ist, ebenso wie mein Urgroßvater, in der Zeitgeschichte des Ortes fest verankert. Aus einer armen Familie stammend, hat er im Herzen des Ortes, nur ca. 100m von der Kirche entfernt, unser Haus gebaut. Er unterrichtete als Lehrer in der Schule, die auf dem Nachbargrundstück gleich neben dem Haus steht, wurde zum Hauptlehrer ernannt und blieb ins hohe Alter von 95 in diesem Posten. In seiner Geburtsgemeinde wurde er zum Ehrenbürger ernannt. Weiterhin veröffentlichte er mehrere Theaterstücke, schrieb zwei Bücher und war ebenso sehr in unserer Gemeinde sehr engagiert. Eine der beiden zu unserem Haus führenden Strassen trägt heute seinen Namen.

Gerne lud er auch regelmäßig ‚Sommerfrischler’ in unser Haus ein, geistige Austausche waren ihm ein ganzes Leben lang wichtig, unser Haus stand offen.

Vor einigen Monaten sprach ich mit der Mutter eines Schulfreundes, die mich nicht kannte und als ich seinen Namen erwähnte, wusste sie mich gleich einzuordnen, sprach mit Achtung von ihm, und erkundigte sich gleich nach Neuigkeiten der Familie. So kennt auch heute noch so gut wie jeder der Generation meiner Eltern (und natürlich der Generation meiner Grosseltern) nicht nur den Namen meines Urgroßvaters sondern ebenso den des Hauses (sein Nachnahme + Haus).

Zu guter Letzt sticht das solide rote Backsteinhaus, das zwischen den hohen Tannen hervorlugt, von seiner Farbe und Art an sich schon hervor, da in unsere Gegend das Auge eher an Fachwerkhäuser gewöhnt ist.

Das rote Backsteinhaus zwischen den Tannen.

Das rote Backsteinhaus zwischen den Tannen. (© deeprooted)

Du hast verschiedene Aktionen geplant, um auf das Haus und seine Problematik aufmerksam zu machen. Möchtest Du sie den Lesern von slowlifelab vorstellen?

Petra: Gerne!

Seit Dezember habe ich also über den Blog ‚die Türen geöffnet’, um anhand von kurzen Artikeln, und vor allem Fotos, zu zeigen, was das Haus so besonders macht. In diesen veranschauliche ich gleichzeitig unser Haus, beschreibe unseren Lebensstil, stelle die Bewohner vor, und erläutere klar die Problematik, sowie Fortschritte und Neues.

Eine erste Aktion besteht darin, eventuell eine Petition einzusetzen, die den Antrag auf Denkmalschutz verstärken soll. Eine zweite Petition, zum Rückkauf unseres Hauses durch unsere Familie ist bereits in Vorbereitung. Beide Petitionen (die Zweite ganz sicher) werden bis Mitte April auf dem Blog eingesetzt sein.

Weiterhin sind Kurzvideos geplant, die das Haus und dessen Architektur sowie den großen Garten, noch visueller und lebendiger als Fotos, darstellen sollen.

Schönes und Schlichtes: Die Atmosphäre im Haus.

Schönes und Schlichtes: Die Atmosphäre im Haus.Impressionen (© deeprooted)

Kreative Zusammenarbeiten mit Künstlern über unser Haus, unsere Familie und die Problematik sind ebenso vorgesehen und in Planung.

Du suchst noch Unterstützung und Mitstreiter. Was kann man als Leser oder Blogger tun, um Dir zu helfen. Was wünschst Du Dir?

Petra: Wie ein Stein der ins Wasser geworfen wird, hoffe ich, Kreise zu ziehen: das Wichtigste ist mir also, dass so viele Menschen wie möglich über diese Geschichte erfahren, sowie die Umstände, unter denen dieser Verkauf überhaupt geschehen konnte. Deshalb: bitte folgt dem Blog, und zögert nicht, Gleichgesinnten den Link zu schicken, über die Geschichte zu sprechen!

Um dem Blog und den Aktionen zu folgen ist es am leichtesten auf den ‚like’/’gefällt mir’ Knopf zu klicken (auf dem Blog oder auf der FB Seite). Im Moment verfasse ich ungefähr einen Artikel/ Woche, der dann auch auf der ‚Deeprooted’ facebook Seite erscheint und gleichzeitig in eurem Newsflow.

Eure Hilfe ist mir wertvoll! Ich suche sowohl Unterstützung durch konstruktive Ideen, Überlegungen, Feedback, die dem Ziel, das unser Haus wieder in unsere Familie bringt, hilft, als auch spezifische Hilfe:

  1. einen Immobilienanwalt der bereits (wenn möglichst erfolgreich) auf dem Gebiet von Verkäufen von Familienbesitz durch ältere Personen und/ oder gegen Konzerne tätig war.
  2. Einen guten und neutralen Experten (wenn möglichst spezialisiert im Bereich von Bauten dieser Zeit) um das Haus von Seiten der Familie einschätzen zu lassen (bisher hat nur der Firmenexperte eine Schätzung unternommen, und deren Preis hat meine Großmutter ohne zu fragen, angenommen).

Blogger: es wäre toll, wenn ihr meinen Blog erwähnt, oder sogar darüber berichtet! Aspekte könnten dessen Außen-, aber auch Innenarchitektur sein, die Anlage des Gartens (mit teilweise hundertjährigen Bäumen), die Atmosphäre, Geschichte und Geschichten (!) des Hauses, oder auch die (kommenden) kreativen Projekte.

Impressionen

Impressionen (© deeprooted)

Ich suche weiterhin Künstler, die sich angesprochen fühlen, und Ihre Sicht gerne kreativ wiedergeben möchten!

Bald ist Ostern. Wie wurde Ostern eigentlich bei Euch gefeiert? Hast Du Erinnerungen daran?

Petra: Die Erinnerung ist frisch! Meine Großmutter ist die, die am Vortag die zukünftigen Ostereier in Zwiebelschalensud abkocht, um sie schön braun zu färben, und sie dann mit einer Speckschwarte abreibt, bis sie glänzen. Das macht sie noch heute. Die Eier werden dann zum Frühstück gegessen. Dazu bekommt jeder ein Stück Osterwecken, das morgens frisch vom Bäcker geholt wird.

Als meine Mutter Kind war, baute sie am Vortag in unserem kleinen Tannenwäldchen aus Ruten und Moos ein Nest, das dann (sie weiß bis heute nicht von wem) am Ostermorgen mit Eiern gefüllt war! Für mich wurden als Kind kleine Schokoladeneier im Garten versteckt, und es wurde mit einem Körbchen unter dem Arm, sowie mit Anleitung (‚warm…..’, ‚wärmer…’ ‚kalt…’) gesucht, bis alle Eier gefunden und das Körbchen voll war. Der Garten ist recht weitläufig, und es gibt zudem viele Gebüsche, Ecken und Winkel, so dauerte die Suche immer einen Teil des Ostermorgens an. Anschließend gingen wir in die Kirche (ich in den Kindergottesdienst).

Manchmal vergaß der ‚Osterhase’ jedoch auch mal Verstecke, und im Laufe des Frühjahrs hatten wir die Überraschung hin und wieder noch mal ein Schokoladenei zu finden….

Deeprooted - Das Haus von oben

Deeprooted – Das Haus von oben. (© deeprooted)

Vielen Dank für das Interview.

Mehr auf Petras Blog: Deeprooted – and built with love (englischsprachig)

Petra helfen: Petras Hilfegesuch

Deeprooted and built with love in 1895.

Deeprooted and built with love in 1895. (© deeprooted)

Petra from SlowLife-Interview … mit Alexander von Halem

  • SlowLife-Interview mit . . . Wolfgang Hundbiss
  • Der Autor Joachim Kurz im SlowLife-Interview
  • „Das Wilde Dutzend“ im SlowLife-Interview
  • Autor: Alice Scheerer

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    6 Kommentare

    1. Heute im SlowLifeInterview: Bloggerin @deeprooted_p von http://t.co/a5F4IWrldL über das Haus ihrer Urgroßeltern http://t.co/23fKOopibM

    2. Hilfegesuch! Petra ist auf der Suche nach einem Immobilienanwalt und Sachverständigen. Mehr im SlowLife-Interview… http://t.co/OCDmuOlMUy

    3. If ever there was a house/home/life/legacy WORTH SAVING and preserving for the future- it’s this one. Come on Europe- find a way!!!!!

    4. Dear Cheryl,

      thanks for your comment.
      In Europe a lot of heritage is saved, including my one, which can be seen in the logo.
      In Petras case it is a problem of the local community which does not seem to find an intelligent solution to combine different interests.

      Greetings form Germany,

      Alice

    5. I thank you both so very much for your support! It is true: the company has a lot of strenght so it is not to be excluded that a local council will vote in his favour when it comes to historic protection.
      Then, it is hard to find a good neutral expert (for the counter estimation) and foremost a legal cabinet, that is willing to go against such a company. This is why it is so important to continue ’shoutouts‘ of this story, especially how it happened, and to encourage everyone to speak up and come forward with ideas of people who could help further and of course, adresses!

      Petra

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