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SlowLife-Cinema: Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht

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Die Stimme aus dem Off erklärt, dass sie darsebst im Jahre 1842 ein Tagebuch beginnen werde, um ihren Weg bis zur Reise nach Brasilien zu dokumentieren. Es ist die Stimme von Jakob Simon, die uns in ihrer altmodischen Sprache durch „Die andere Heimat“ begleiten wird.
Gleich danach wird es kurzweilig: Zwei junge Frauen entkleiden sich und kullern den Berg hinab. Es sind Jettchen und Florinchen im Kampf gegen üblen Hautausschlag. Jakob schenkt Florinchen eine Feder, die er am Ende des Films zurückerhalten wird.

Es sind Szenen wie diese, die mich stutzen lassen. Hatten Handwerker- und Bauernkinder im 19. Jahrhundert tatsächlich Freizeit? Wie Paul in der ersten Heimat-Staffel, hat Jakob andere Interessen als der Rest seiner Familie. Paul half am Tag seiner Familie. Abends stieg er auf den Dachboden und baute Radioempfänger. Während ich mich damals fragte, wann Paul eigentlich schlief, bin ich nun erstaunt darüber, wie Jakob es schafft, sich vor der Arbeit zu drücken. Wählte Reitz diese Darstellung, um die Geschichte voranzutreiben oder ist meine Vorstellung vom 19. Jahrhundert zu einseitig?

Jakob liest anstatt zu arbeiten. Die Figur die er baut, um dem Vater Geschäftigkeit vorzutäuschen, ist keine Erfindung die Arbeit erleichtert, sondern nur eine wackelnde Marionette.
So etwas bleibt nicht ganz ungestraft. Sein Vater deckt ihn mit einer breiten Auswahl kräftiger Schimpfwörter ein, schlägt ihn und wirft seine Bücher regelmäßig auf den Mist.

Gerettet und versteckt werden sie von seinem Onkel. Dieser arbeitet als Weber und lebt unverheiratet im Haus der Simons. Mein Lieblingssatz des etwas kauzigen Alten ist:

Lass Dich nicht fangen von denen, die am Boden kleben.

Bücher als Fenster zur Welt

Bücher sind Jakobs Fenster zur Welt. Mit der Zeit erarbeitet er sich nicht nur tiefes Wissen über die Sprache brasilianischer Indianerstämme, er kann ihre Sprache auch korrekt betonen. Wie er genau an diese Fachliteratur gelangt, bleibt unklar. Nur einmal wird ein Lesekreis erwähnt.

Lesekreise waren vor der flächendeckenden Verbreitung von Bibliotheken eine kostengünstige Möglichkeit um regelmäßig neue Bücher zu lesen.
Auf den letzten Buchmessen war das Thema Lesekreise, bisweilen verkleidet als „Social-Reading“, wieder in aller Munde 1.

Leckschmier und unerfüllte Liebe

Jakob verliebt sich in Jettchen. Leider ist er zu schüchtern um auch nur mit ihr zu tanzen. Auf der Schabacher Leckschmier-Kerb2 tanzt sie mit seinem Bruder Gustav und macht auch sonst so einiges.

Jakob ist darüber so entsetzt, dass er sich spontan einem Protest gegen die Vorrechte es Barons anschließt und im Gefängnis landet. Da Jettchen schwanger wird, heiratet sie Gustav, obwohl sich die beiden, bis auf den Ausrutscher gar nicht kennen.

1843 ist die Ernte besonders schlecht. Die Schabbacher führen dies auf den großen Tagestlichtkometen zurück3. Als erstes sind diejenigen betroffen, die auf gekaufte Nahrung angewiesen sind, wie verarmte Handwerker in der Stadt. Später hungern auch die Bauern selbst. Schabbach verliert sieben Kinder in einer Nacht. Angesichts des Elends beginnt der Arzt sich zu fragen, ob er die Krankheit nicht von Haus zu Haus getragen hat.

In der Kirche stimmt man „Oh Ewigkeit, du Dunnerwort“ an „Mein Herz erbebt, dass mir die Zung am Gaumen klebt“ 4.

Analogie zum social web / social media

Wir nähern uns meiner Lieblingsszene im Film. Als Erstes fiel mein Blick auf eine Bauch-bzw. Rückenwärmflasche aus Messing, dann auf Jakobs Bücherregal. Es ist fast voll. Er hat inzwischen nicht nur die Erlaubnis, Bücher zu besitzen, sondern kann seinem Vater damit sogar bei der Weiterentwicklung der Dampfmaschine helfen. Jakobs Mutter sagt zu ihm: „Du bist so allein.“, er antwortet „Ich bin nicht allein“ und berichtet von seinem Briefwechsel mit einem Geheimrat in Berlin über Sprachen und Dialekte.

Diese Briefwechsel sind aus meiner Sicht auf die Social Media übertragbar. Unzählige Eigenbrötler, Nerds und von ihrer Umwelt als Sonderlinge bezeichnete finden auf schriftlichem Wege Kontakt zu Gleichgesinnten, die sie nicht auslachen oder gar verprügeln wollen.

Angesichts der Internet-Debatte haben wir übersehen, dass sich nur das Medium geändert hat, nicht aber die Kommunikation selbst. Die Filmfigur Jakob diskutierte so angeregt mit Alexander von Humboldt, dass dieser einen Umweg im Kauf nahm, um ihn in Schabbach zu besuchen. Heute diskutieren auf Twitter mit Wissenschaftlern, Verlegern und Kuratoren.

Analogie zum echten Leben

„Was hat den Autor zu dieser Geschichte inspiriert?“ ist eine Frage, die ich mir oft stelle. Nichts reizt mich mehr, als die wahren Geschichten hinter Büchern und Filmen zu entdecken.

Die spektakulärste Geschichte hinter „Die andere Heimat“ ist die des Bruders von Edgar Reitz. Guido Reitz war nicht nur Uhrmacher, wie sein Vater und Robert Kröber aus der ersten Heimat-Staffel, er war auch ein Vorbild für Jakobs Spracherwerb.

Nach seinem Tod fand man über 1000 sprachwissenschaftliche Fachbücher in seinem Haus. Erst nach der Durchsicht seiner Briefwechsel und der Kassetten, die er zu Übungszwecken besprochen hatte wurde seiner Familie klar, dass er ein bedeutender Sprachwissenschaftler war. Wie Jakob diskutierte er von seinem Heimatort Morbach aus mit Professoren und betreute, ohne Diplom, sogar Diplomarbeiten. Außer einem kleinen Kreis von Professoren und Studenten erfuhr jedoch niemand von seinen Theorien und Erkenntnissen. Er hat nie einen Artikel oder ein Buch veröffentlicht und hielt auch niemals einen Vortrag 5. Dafür war er viel zu schüchtern.

Sein Nachlass wurde der Universität Marburg übergeben. Zwei LKW-Ladungen waren zum Transport notwendig 6.

Wer bis zum Abspann sitzen bleibt, erfährt, dass Edgar Reitz den Film seinem Bruder widmete.

Warten lohnt sich. Auch der Abspann ist eine Informationsquelle.

Warten lohnt sich. Auch der Abspann ist eine Informationsquelle.

Die andere Heimat – Fazit

Vor dem Besuch des Films fürchtete ich, das einer von uns oder sogar beide in dem fast vier Stunden dauernden Kinofilm einschlafen könnten. Diese Furcht war unbegründet. Der Film ist kurzweilig, spätestens alle zehn Minuten passiert etwas Aufrüttelndes, zumeist sogar etwas Amüsantes.

Die Hauptfragen nach der im Prolog7 erläuterten Bedeutung der vorhergehen Heimat-Staffeln für mehrere Generationen lauten jedoch:

Ändert „Die andere Heimat“ den Blick auf die Geschichte, wie es die beiden ersten Heimat-Staffeln taten?

Kann der Film für sich alleine stehen?

Direkt im Anschluss an den Film beantwortete ich, genau wie mein Herzblatt, die erste Frage mit „Nein“. Bis auf das erwähnte und wiedererkannte Phänomen des orts- und standesunabhänigigen wissenschaftlichen Austausches hat der Film leider auch mittelfristig keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, dass uns einige Szenen erst nach Jahren einholen, zum Beispiel beim Besuch von Heimatmuseen. Die anfagns geäußerte Frage, ob Kinder im 19. Jahrhundert mehr Freizeit hatten als im 20. würde ich gerne abschließend beantworten. Es würde mich allerdings wundern, wenn dies zuträfe.

Die zweite Frage können wir getrost mit „Ja“ beantworten. Der Film hat eine klar erkennbare Handlung, starke Haupt- und Nebenfiguren und stellt Wissen aus Geschichts- und Deutschbüchern belebt dar. Wer weiß, vielleicht finden sich in Kinos andernorts ein junges Publikum, dass durch „Die andere Heimat“ in den Bann der Tetralogie gezogen wird.

  1. Thomas Boehm hat sogar ein Buch über Lesekreise geschrieben. Ein Interview zu diesem Thema auf Literaturcafe.de. Auch auf der Buchmesse 2013 wurde das Thema angesprochen.
  2. Leckschmier ist Pflaumenmus, das Wort ist verwandt mit dem westpfälzischen „Latwerge“.
  3. Den gab es wirklich, er war am 6. März 1843 in Deutschland zu sehen.
  4. Der Text dieses Kirchenliedes ist von Johann (von) Rist, die Melodie von Johann Sebastian Bach. Zwei gleichnamige Varianten des Liedes werden jeweils am 1. Sonntag nach Trinitatis und am 24. Sonntag nach Trinitatis gesungen. Sicherlich spannt sich bei näherer Betrachtung des Liedes Stoff für einen eigenen Artikel auf.
  5. Mindestens ein Artikel von Guido Reitz wurde posthum von Alexander Werth veröffentlicht: Guido Reitz †: Reihenspaltung im Moselfränkischen und ihr Verhältnis zur Rheinischen Akzentuierung
    .
  6. Quelle: Rhein Zeitung Online, abgerufen am 29.10.2013 und SWR-Online
  7. Im Prolog erläuterte ich die Bedeutung der vorhergehenden Heimat-Staffeln für die meisten Besucher des Kinofilms am 19.10.2013 im Union-Theater in Kaiserslautern.

Autor: Alice Scheerer

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