Polar Helios & die Polar Werke - Recherche in Remscheid

SlowLifeLab

Laboratorium für Traditionelles und Historisches

Polar Helios & die Polar Werke – Recherche in Remscheid

| 1 Kommentar

Vor drei Wochen reparierte ich unseren Obstpflücker. Wir hatten ihn nahezu intakt von Oma Uta geerbt und im letzten Sommer intensiv bei der Kirschernte eingesetzt. Nun war der Sack rundherum eingerissen. Noch vor der Reparatur fiel mir das Logo auf dem Pflückersack auf. Ich wollte eigentlich nur wissen, wie alt dieser Obstpflücker ist, ob es sich, wie ich annehme, um ein Nachkriegs- oder vielleicht doch um ein Vorkriegsmodell handelt.

Oma Utas alter Pflückersack mit Firmenemblem

Oma Utas alter Pflückersack mit Firmenemblem

Gewissheit darüber habe ich immer noch nicht erlangt, aber dafür lernte ich vieles über Werkzeugproduktion und Industriegeschichte. Bei der Suche nach dem Standort des Unternehmens stolperte ich über den Weg der Marke „Polar Helios“ oder auch „Helios Polar“. Ich lernte auch ein wenig über die Entwicklung von Remscheid-Hasten. Als ich durch eine Einladung überraschend in die Nähe des Bergischen Landes gerufen wurde, interpretierte ich das als Wink des Schicksals und nötigte mein #herzblatt zu heiteren Umwegen. Aber zunächst zur …

Geschichte

Herzlichen Dank an dieser Stelle an Frau V. Schwanicke und Frau S. Simicic für die ergebnisreiche Weiterleitung meiner Anfragen, sowie an Dr. U. Diederichs und Herrn R. Putsch für freundliche und detaillierte Antworten.

Direkt neben Remscheid-Hasten, verbunden durch die Hastener-Straße, liegt Wuppertal-Cronenberg 1 .

Cronenberg ist bekannt für Werkzeuge (Knipex, Picard, Wera). Das ca. 20km entfernte Solingen ist bekannt für die Produktion von Messern. Und Remscheid war mit bis zu 50 unterschiedlichen Herstellern der international bedeutendste Produktionsstandort für Schlittschuhe.

Polar Kadett

Schlittschuh, Modell Polar Kadett

Alle an den Polar Werken beteiligten Unternehmen waren zuvor selbständige Schlittschuhproduzenten.

Aus den zusammengetragenen Informationen lässt sich folgender Zeitstrahl basteln:

1790: Gründung der Fa. Eduard Engels. Noch zu klären ist, ob dies ein häufig verwendeter Name war, oder es sich bei den Gründern der Werkzeugfabrik Eduard Engels & Co und Edessö – Sägen und Messer um den gleichen Eduard Engels handelt. Edessö steht für Eduard Engels & Söhne, das Werk befindet sich in Remscheid-Hasten 2. Mindestens einer dieser Herren wohnte in der Scharffstraße 4, der heutigen Scharfstrasse 3 3.

1803: Gründung der Fa. David Sieper Söhne in Remscheid Hasten. Der letzte eigenständige Standort befand sich in der Hastener Straße 136/140, direkt neben der Firmenvilla. Dort lebte bis Ende der achtziger Jahre ein Nachfahre des Firmengründers.

Die ehemalige Sieper-Villa

Die ehemalige Sieper-Villa

1846: Gründung der Fa. F.W. Hens in Remscheid Hasten. Der letzte eigenständige Standort der Fa. Hens befand sich in Laufreichweite des Sieper-Werks, in der Hastener Straße 100. Heute beherbergen die Reste des Fabrikgebäudes ein Hotel, ein chinesisches Restaurant und das Archiv der Stadt Remscheid.

1924: Vereinigung der drei Unternehmen zu den Polar Werken.

1929: Ausscheiden der Fa. Hens „aufgrund anderweitiger Interessen“ 4. Das Unternehmen wird unter dem Namen Polar-Werke Engels und Sieper weitergeführt.Ob die Fa. Hens nach diesem Ausscheiden wieder selbständig weitergeführt wurde, konnte ich nicht feststellen. Eine Firmenschrift aus dem Jahr 1965 könnte Licht ins Dunkel bringen.

1937-1939: Publikation von Gartenkalendern in denen sogar mit einem firmeneigenen Kleingärtnerdienst als Ansprechpartner bei Gartenproblemen geworben wird 5.
Zudem wurde 1939 die Unternehmensform von einer Aktiengesellschaft in eine Kommanditgesellschaft geändert. Hierzu mehr im Blogpost Neues von den Polar-Werken – Das Stadtarchiv lüftet Geheimnisse .

1953: Anmeldung eines Patents für ein „pfeilspitzenartiges, gewölbtes Scharblatt für die Bodenbearbeitung, insbesondere für Handhacken“. Als Anmelder werden ENGELS & SIEPER POLAR WERKE genannt, Erfinder ist Hans Ruhl aus Höheeinöd im Kreis Pirmasens 6.

1956: Patentanmeldung des Polar-Bären für Schlittschuhe in den USA 7

1975: Anmeldung der Bildmarke „p“ für Polar Helios durch
POLAR WERKE GmbH Sport- u. Gartengeräte 8. Als letzte Adresse des Unternehmens ließ sich die Rather Straße 7-9 rekonstruieren, ein vermutlich in den Sechzigern gebautes Verwaltungs- und Fabrikgebäude.

1976: Anmeldung eines Rasenlüfters als Gebrauchsmuster durch Polar-Werke Engels & Sieper, 5630 Remscheid, DE 9

1987: Erstes Vollstreckungsverfahren gegen die die Engels & Sieper OHG10.

1989: Eintragung von “Helios-Polar” Gartengeräte-GmbH in das Handelsregister des Amtsgerichts Essen.

1996: Zweites Vollstreckungsverfahren gegen die Engels & Sieper OHG.

1998: Löschung der Engels & Sieper OHG aus dem Handelsregister in Remscheid.

1999: Neueintragung der “Helios-Polar” Gartengeräte-GmbH in das Handelsregister von Bad Bramstedt.

2000: Anmeldung der Wort-Bildmarke „p“ für Polar durch die POLAR Bau- und Gartengeräte Handelsges. mbH in Visbek.

2003: Verlagerung des Gerichtsstands der “Helios-Polar” Gartengeräte-GmbH nach Neumünster.

2006: Löschung der “Helios-Polar” Gartengeräte-GmbH aus dem Handelsregister des Amtsgerichts Kiel. 11.

2009: Gestaltung der Website polar-garten.de für die POLAR Bau- und Gartengeräte Handelsges. mbH

Remscheid-Hasten heute und das Deutsche Werkzeugmuseum

Anders als in der Remscheider Innenstadt, die im zweiten Weltkrieg weitestgehend zerstört wurde, lässt sich in Remscheid-Hasten noch in die Vergangenheit blicken. Zwischen den Wohngebäuden findet man allerorten Kleineisenindustriebauten.

In der Hastener Straße stehen noch viele Bergische Häuser 12. Das prachtvollste davon beherbergt heute das „Museum Haus Cleff“. Es wurde 1779 im Rokoko-Stil erbaut. Von 1811 bis 1814 war es das Rathaus von Remscheid.

Haus Cleff

Haus Cleff, Museum der Stadt Remscheid

Direkt daneben befindet sich das Deutsche Werkzeugmuseum.

Deutsches Werkzeugmuseum

Deutsches Werkzeugmuseum

Ich hatte vor dem Besuch des Museums bereits den virtuellen Rundgang auf der Website des Museums betrachtet, der die helle und großzügige Gestaltung des Museums zur Geltung bringt. Ein wichtiges Element des Museums verschweigt der Rundgang jedoch: die vielen interaktiven Stationen machen es zu einem Familienmuseum.

LiebhaberInnen großzügiger Schubladenschränken kommen in der Abteilung zum Beginn der industriellen Fertigung auf ihre Kosten. In dieser Abteilung wird auch aufgezeigt, welche gravierende Änderung die Industrialisierung für den Arbeitsalltag der zuvor bäuerlich geprägten Arbeitnehmer bedeutete. Plötzlich waren nicht mehr die Sonne und das Wetter die Taktgeber, sondern die Schichteinteilung.

Bewohnern von Baden-Württemberg wird spätestens hier bewusst, dass die Werkzeugindustrie in ihrem Bundesland komplett auf importierten Werkstoffen aufgebaut ist und daher erst nach dem Ausbau des Eisenbahnnetzes entstehen konnte.

Das Innere der kleinindustriellen Bauten rundherum kann man sich nach dem Besuch der Abteilung für kleinindustrielle Fertigung noch besser vorstellen. Plakate, Werbeschriften und Musterkoffer in der Exportabteilung belegen, dass Marketing und weltweiter Export keine Erfindung des 20 Jahrhunderts sind. Wie Werkzeuge vor dem effizienzgetriebenen „form follows function“-Ansatz aussahen, wird im Abschnitt „Dekoratives Werkzeug“ gezeigt.

Zwischen all den historischen und aktuellen Werkzeugen sprang mein #herzblatt herum und freute sich: „Das kenne ich noch aus der Lehre!“, „Den hab ich auch!“.

Nur eine Werkzeuggattung war im ganzen Museum nicht zu finden: Gartenwerkzeuge. Keine Schaufel, kein Pflug, kein Rechen, kein Obstpflücker. Keine Angst, da wir noch viele historische Werkzeuge im Keller haben, war der Besuch des Deutschen Werkzeugmuseums und der Kauf des Museumsführers „Werkzeug.Mensch.Geschichte“ trotzdem sinnvoll.

Warten auf Illertissen

Zu Hause angekommen suchte ich noch einmal explizit nach historischen Gartenwerkzeugen und wurde plötzlich fündig: In Illertissen wird gerade ein Museum für historische Gartengeräte gebaut. Eine große Sammlung mit ca. 6000 Exponaten ist bereits vorhanden und dabei handelt es sich vor allem um „einfache Handgeräte aus allen Bereichen des Gartenbaus“.

Und … eine Ausstellung zum Thema „Erntegeräte“ ist sogar schon in Planung. Vielleicht erfahre ich doch noch mehr zu Polar Helios?

Creative Commons Lizenzvertrag
Recherche in Remscheid – Oma Utas Obstpflücker – Teil 3 von Alice Scheerer steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Unported Lizenz.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter http://slowlifelab.de/en/contact/ erhalten

  1. Wikipedia über Cronenberg
  2. Quelle: Website von Edessö
  3. Quelle: Website der Scharffstr. 3
  4. Quelle: Gerhard Esser, Remscheids Weg zur Schlittschuhschmiede der Welt, Remscheid 1978, erhältlich z.B. in der Bergischen Bücherstube
  5. Quelle: Ebay und diverse Antiquariate
  6. Quelle: Prior-IP ist aber auch bei Patentfamily auffindbar
  7. Quelle: Trademarkia
  8. Quelle: „p“ für Polar bei Trademarkia
  9. Quelle: DPMA, Gebrauchsmuster für einen Rasenlüfter
  10. Quelle: Genios Firmeninformation
  11. Im Zuge des Projekts RASCH wurde das Handelsregister von Bad Bramstedt nach Kiel verlegt
  12. mehr dazu bei Wikipedia: Bergisches Haus

Autor: Alice Scheerer

Sie sind auf der Suche nach einer Texterin und Online-Redakteurin? betreibt nicht nur dieses Blog, sondern bietet auch Corporate Blogging, Content Marketing und Recherchedienstleistungen an, z.B. für History Marketing. Nutzen Sie das Kontakt-Formular. Mehr Informationen zum Angebot auf alicescheerer.de.

Ein Kommentar

  1. Pingback: Die Geschichte der Polar Gartengeräte geht weiter! | SlowLifeLab

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.



↑ Back to Top ↑