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Postwachstumsökonomie: Dr. Niko Paech in Stuttgart (Folge 1 von 3)

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Der Name Dr. Niko Paech war mir bis vor kurzem völlig unbekannt. Erst der Hinweis auf ein Radiointerview auf Bayern 21 brachte ihn und seine Arbeit zum Thema Postwachstumsökonomie auf mein Radar.

Als ich eine Woche später folgenden Tweet sah und feststellte, dass ich an diesem Abend Zeit hatte, entschloss ich mich spontan, für diesen Vortrag zur Stuttgarter Zentralbibliothek zu fahren2.

Im folgenden Abschnitt gebe ich zunächst weitestgehend unkommentiert die von Prof. Dr. Niko Paech erläuterten Zusammenhänge zwischen Wachstum und Unternehmen, sowie Paechs Lösungsansätze für diesen Bereich wieder.

Der nächste Artikel in dieser Serie erscheint morgen und behandelt uns Konsumenten spannendere Themen wie Nachfragezwänge, Subsistenz und Suffizienz.

Am Mittwoch folgt mein Fazit vor dem Hintergrund unserer eigenen Erfahrungen als Laboratorium.

Mein erster Eindruck

Durch die übliche Sucherei nach dem Veranstaltungsort kam ich gerade noch rechtzeitig um einen Stehplatz an der Wand zu ergattern.

„Machen sie ihren Sitzplatz frei für die, die nicht so lange stehen können.“ hatte ich an der Tür aufgeschnappt. Sicherlich waren Mittdreißigerinnen in unbequemen Schuhen gemeint. Schon im Sturzflug auf eine bequem beschuhte Anfang-Zwanzigerin, ließ ich noch einmal meinen Blick schweifen und stellte fest, dass über die Hälfte der Hörer grauhaarig war. So viele Senioren bei einem Vortrag zu wirtschaftlichen Zukunftsprognosen, in dem die DIY-Bewegung als Elite genannt wird?

Nach vielen Konferenzen, Netzwerktreffen, Twitterpicknicks deren älteste Teilnehmer ein paar jung gebliebene Mittsechziger waren und auf denen ich mich selbst oft alt fühlte, fragte ich mich, auf welchen Trigger hin der ältere Teil des Publikums zu diesem Vortrag kam. War es eine ansprechend formulierte Zeitungsmeldung? Waren die Grauhaarigen Gasthörer oder Professoren an der FH? Besuchen sie grundsätzlich jeden Vortrag in der Zentralbibliothek oder handelt es sich um diese legendären von Stuttgart21 erweckten Mitbürger, die sich einmischen? Am Ende des Vortrags war ich froh, dass uns die Senioren ein wenig aus unserer Filterbubble herausholten.

Dr. Paech ist Diplom Volkswissenschaftler und arbeitete nach seiner Promotion u.a. als Unternehmensberater und Agenda21-Beauftragter der Stadt Oldenburg. Er ist Mitbegründer des Oldenburg Center for Sustainability Economics and Management3 und Vorsitzender der Vereinigung für Ökologische Ökonomie4.

Sein bekanntestes Buch heißt „Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“5, das er selbst mit folgenden Worten zusammenfasst:

Die viel beschworene bessere Welt ist nicht käuflich, sondern nur durch eigenes Tun und Üben herzustellen. Niko Paech

Wertschöpfung ohne Umweltsünden?

Zu Beginn des Vortrags erklärt Paech, dass er, anders als einige seiner Kollegen, „grünes Wachstum“ als unrealistisch erachtet. Auch die Verlagerung von Wachstum auf grüne Technologien und immaterielle Güter führe letztendlich zu erhöhtem Energiebedarf und Umweltschäden.

Laut Paech habe die Energiewende so viele Umweltschäden erzeugt, dass man sich fragen könne, ob diese Schäden nicht dem gleichkommen, was die Energiewende verhindern will. Um die Umweltschäden auszugleichen müsste man gleichzeitig etwas zurückbauen, das aktuelle Umweltschäden verursacht, wie z.B. ein Kohlekraftwerk. Dies bringe aber einen Rückgang von Wertschöpfung und damit des Wirtschaftswachstums mit sich und entspräche daher nicht der Idee grünen Wachstums.

Als Gegenbeispiel nannte Paech klassische Methoden der Energieerzeugung. Im letzten Jahr seien über 8 Millionen Tonnen Kohle aus Kolumbien importiert wurden. Das sei zwar schmutzig, rein rechnerisch bringe es aber Zuwachs an Wertschöpfung.

Als weiteres Beispiel führte er die Schaffung von Lehrerstellen an. An sich gelte dies als immaterielles Wachstum. Allerdings bräuchten angestellte Lehrer z.B. mehr Kleidungsstücke als nicht angestellte. Ihren Verdienst würden sie verdientermaßen für Reisen und Einfamilienhäuser ausgeben. Also wachse automatisch auch die Produktion materieller Güter mit dem damit verbundenen Co2-Ausstoß6.

Steigert man die Effizienz von Produkten, wie beispielsweise mit dem 3-Liter-Auto oder der Energiesparbirne, führt dies zu erhöhtem Verbrauch an einer anderen Stelle, den sogenannten Rebound-Effekten7.

Selbst wenn mit ökologischer Energieerzeugung genau soviel Wertschöpfung erzeugt würde, wie mit der klassischen, stände irgendwann kein Platz mehr für Windkraftanlagen zur Verfügung und die Grenze des Wachstums sei erreicht.

Peak everything

Nicht nur Öl und Gas sind endliche Ressourcen, auch seltene Erden.

Auch grüne Technologien steckten voller seltener Erden. Die meisten grünen Technologien ersetzten die Abhängigkeit von Öl durch die Abhängigkeit von anderen endlich vorhanden Stoffen wie Coltan, Neodym, Lithium, so Paech.

Durch die Nutzung von Land für erneuerbare Energien schwänden die lokalen Anbauflächen für Nahrungsmittel. Um Nahrungsmittel zu importieren entstehe zusätzlicher Energiebedarf. Die Energiekrise führe daher auch zu Ernährungsproblemen.

Unternehmen: Zinsen zwingen zum Wachstum

Was steckt eigentlich hinter diesen Wachstumszwängen? Prof. Niko Paech fasste das Thema kurz und seiner Meinung nach “unterkomplex” zusammen.

Nahezu alle Produkte sind laut Paech das Ergebnis industrieller, räumlich entgrenzter Arbeitsteilung. Die Vorteile der Massenproduktion sind geringe Durchschnittskosten. Massenproduktion ist kapitalintensiv, d.h. um Produkte spezialisiert herzustellen, muss in große Anlagen und Logistik investiert werden. Diese Produktionsfaktoren müssen vorfinanziert werden. Meistens geschieht dies entweder durch Kredite oder die Ausgabe von Aktien.

Der Unternehmer muss nicht nur die Investitionskosten, sondern auch die Zinsen erwirtschaften. Eine Aktiengesellschaft muss die Rendite steigern. Beides zwinge, so Paech, zum Erwirtschaften von Überschüssen und damit zum Wachstum.

Ein dritter Grund für den Wachstumszwang sei der Verschleiß der Arbeitsmittel.

Wirtschaft: Verteilung zwingt zum Wachstum

Strukturwandel in Richtung Spezialisierung fordere den Transfer der Ressourcen eines Landes in die Bereiche, die weltmarktfähig sind. Ein aktuelles Beispiel hierfür sei China. Die wachsende Armut unter der Landbevölkerung und den Hilfsarbeitern müsse wiederum ausgeglichen werden. Der einzige Ausweg um Gelder zu verteilen ohne sie anderen Bürgern wegzunehmen, sei es, zusätzlichen Gewinn durch Wachstum zu erzeugen.

Wachstumstreiber dämpfen

Die bereits erläuterten Wachstumstreiber Zinsen und Rendite sollen nach Professor Paech folgendermaßen gedämpft werden.

  • Regionalwährungen, die keinen Zins zulassen: Der Euro soll explizit nicht abgeschafft, sondern durch Regionalwährungen entlastet werden.
  • Vollgeldansatz: Geldschöpfung durch die Geschäftsbanken ist in einer Gesellschaft ohne Wachstum nicht möglich/sinnvoll.
  • Genossenschaften statt Aktiengesellschaften: Bei idealen Unternehmen sind laut Paech die Anteilseigner gleichzeitig Nachfrager der Produkte. So sei der Zweck des Unternehmens nicht die Vermehrung von Kapital, sondern der Konsum. Preiserhöhungen müssten auch von den Anteilseignern bezahlt werden und seien lägen daher nicht in ihrem Interesse.
  • Deindustrialisierung, Deglobalisierung: Arbeitsintensive statt kapitalintensive Produktionssysteme mit kürzeren Wertschöpfungsketten und weniger Arbeitsteilung.
  • Entmonetarisierung und Selbstversorgung auf Produzentenseite: Um möglichst kapitallos zu produzieren, sollen mehr Bestandteile eines Produktes selbst produziert, statt eingekauft werden. Paech betont an dieser Stelle, dass damit nicht vollständige, sondern nur teilweise Subsidienz gemeint ist.

Werden die kapitalintensiven Produktionsstationen verringert, so wird die handwerkliche Befähigung der Mitarbeiter und letztendlich der Faktor Mensch wieder wichtiger, sagt Paech.

Ich kann mir vorstellen, dass die Zufriedenheit jedes Mitarbeiters steigt, wenn er den Produktprozess überblicken kann. Dies gilt für die Produktion materieller, aber auch immaterieller Güter. Man sollte sich aber bewusst machen, dass diese Art der Produktion, die den Überschuss verringert, auch zu gleichbleibend Preisen führt. Die kontinuierlichen Preissenkungen, die wir z.B. in Baumärkten erleben, werden der Vergangenheit angehören.

  1. Das Radiointerview zum Thema “Wenn weniger mehr ist – Postwachstumsökonomie“ auf Bayern 2
  2. Ein Mitschnitt des Vortrags in der Stuttgarter Zentralbibliothek ist hier nach zuhören.
  3. Website des Center for Sustainability Economics and Management (CENTOS)
  4. Website der VÖÖ
  5. Das Buch kann z.B. über slowlifelab bei Amazon bestellt werden.
  6. Dr. Niko Paech gab während des Vortrags an, den Anstieg des Co2-Ausstoßes beispielhaft für den Anstieg von Umweltschäden zu verwenden
  7. An einer anderen Stelle hat sich Paech ausführlicher zu diesem Thema geäußert. Mehr zu diesem Thema auch in den Impulsen für die politische Debatte des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie GmbH: Der Rebound-Effekt – Über die unerwünschten Folgen der erwünschten Energieeffizienz von Tilman Satorius.

Autor: Alice Scheerer

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