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Postwachstumsökonomie für Nachfrager – Zwänge, Subsidienz und Suffizienz (Folge 2 von 3)

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Dies ist der zweite Teil der Serie zum Thema Postwachstumsökonomie basierend auf einem Vortrag von Prof. Dr. Niko Paech am 10.01.20131.

In diesem Teil werden die Themen Nachfragezwänge, Subsidienz und Suffizienz aus Sicht der Konsumenten (Endverbraucher? Nachfrager oder gar schon Prosumenten?) beschrieben. Anders als im Beitrag zum Thema Wachszumszwang und Wachstumsdämpfung für Wirtschaft und Unternehmen kann ich in diesen Beitrag eigene Erfahrungen einfließen lassen. Im dritten Teil vergleiche ich Paechs Ansätze mit meinen eigenen Ideen und Erfahrungen.

Institutioneller oder substanziellen Wandel

Wachstum ist laut Professor Paech also nur begrenzt möglich2. Was kann man stattdessen tun und wie kann man diese Änderungen wirkungsvoll einführen?

Diese Frage stellen sich verschiedene Gruppen schon seit einiger Zeit. Laut Paech kann man sie in zwei Richtungen einteilen:

  1. Gruppen die einen institutioneller Wandel fordern. Sie sagen, dieser Wandel reiche aus um eine Wirtschaft in die Lage zu versetzen, nicht mehr wachsen zu müssen. Hierzu gehören z.B. marxistische Gruppen und die Befürworter des Grundeinkommens.
  2. Gruppen die an einen substanziellen Wandel glauben. Diese Gruppen gehen davon aus, dass ein Wandel hin zu Suffizienz und Subsidienz durch Veränderung von Lebensstilen oder den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems erwirkt werden kann.

Prof. Niko Paech zählt sich zu den Letzteren. Im folgenden Abschnitt möchte ich seine Ansätze zur substantiellen Änderung erläutern.

Nachfrage: Identität durch Konsum

In einer modernen Konsumgesellschaft sei die soziale Position eines Individuums vom Konsum abhängig, so Paech. Konsumgegenstände seien ein Symbol für Identität. Man zeige durch sie seinen Status und seine Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Konsum entstünde angesichts dessen nicht nur aus Lust oder Gier, sondern auch aus der Angst, seinen Status zu verlieren.

Auch Nachfragewachstum ist endlich

Gleichzeitig zeigten Ergebnisse aus der Glücksforschung, dass das Wachstum von Konsum und Teilhabe am gesellschaftliche Reichtum nur bis zu einem bestimmten Punkt einen Zuwachs an Glück stifte.

Ein Kritikpunkt, der mich persönlich sehr anspricht ist die zunehmende Trennung von Produktion und Konsum. Man kann das, was man in der arbeitsteiligen Produktion produziert hat, selten selbst konsumieren und ist stattdessen auf geldbasierte Fremdversorgung angewiesen.

Dies steigert ganz offensichtlich die soziale Fallhöhe. Gemüse, das ich nicht verkaufen kann, kann ich augenblicklich selbst essen. Bei Programmierkenntnissen ist es schon schwieriger. Aber wie ernährt man sich von Power-Points für Lenkungsbeiratssitzungen? All das ist selbstverständlich möglich, aber mit Investitionen und langen Durst- und Hungerstrecken verbunden. Bei seinem Vortrag in Stuttgart ging Paech nur im letzten Satz auf diesen Umstand ein. In früheren Vortragsfolien ist die Steigerung der sozialen Fallhöhe explizit erwähnt3.

Nachfragezwänge verhindern

Auf der Angebotsseite verringert sich der Output. Wie soll die Nachfrageseite damit umgehen? Gibt es Alternativen zum Glück durch Konsum? Warum, wenn nicht aufgrund des Wirtschaftszusammenbruchs, sollten Bürger Verzicht üben?

Paechs Theorie lautet:

Nicht Geld braucht der Mensch, sondern Zeit, denn keine Konsumaktivität steigert das Glück, ohne diesem Prozess eigene Zeit zu widmen. Niko Paech

Angesichts dessen verstehe ich endlich, was Paech mit den Begriff Konsum-Burnout meint. Er meint das quälende Gefühl, sehr viele wunderbare, lehrreiche oder spannende Bücher zu besitzen, aber keine Zeit zum Lesen zu haben. Komischerweise hat man aber Zeit, neue Bücher zu kaufen. Zum Beispiel, weil man zum Kleidung kaufen in der Stadt ist, aber nichts passendes findet.

Was könnte mir helfen? Vielleicht weniger zu arbeiten und stattdessen Passendes zu nähen und danach ein gutes Buch zu lesen?

Reduktion von Konsum ist Selbstschutz vor Reizüberflutung und Konsum-Burnout. Niko Paech

Plötzlich bin ich ganz bei ihm.

Laut einer Studie, die der ehemalige Umweltminister Jürgen Trittin in Auftrag gab, besitzt jeder Deutsche durchschnittlich 10 000 Gegenstände4, immaterielle Konsumgegenstände wie essen gehen, nicht mitgezählt.

Ich befinde mich in einer Zwickmühle. Einerseits wünsche ich mir Anerkennung. Dafür muss ich arbeiten. Andererseits wünsche ich mir Selbstwirksamkeit. Dafür würde es eigentlich reichen, wenn ich mich im stillen Kämmerlein um meine 10 000 Sachen kümmere und möglichst viel Tolles daraus mache. Weil mir die Zeit im Kämmerlein, z.B. zum Nähen fehlt, stoppe ich am Kiosk, kaufe mir die nächste Burda-Style und tröste mich damit, dass ich das alles nähen kann, wenn ich einmal Zeit habe.

Allerdings nimmt die Zeit für Genuss in Niko Paechs Welt auch nur einen kleinen Teil ein.

Denn sie muss auch zum Ausgleich gesunkenen Outputs, rückgebauter Industrie und deglobalisierter Versorgung genutzt werden. Trifft die Prognose der Postwachstumsökonomen ein, so werden wir weniger Geld zur Verfügung haben (bzw. höhere Preise bezahlen müssen) und uns mit weniger zufrieden geben (Suffizienz) oder dies durch Selbstversorgung (Subsidienz) ausgleichen.

Prof. Niko Paech formuliert es so:

„Wir müssen eine coole Auswahl treffen und dürfen dabei nicht den verfügbaren Zeitrahmen überschreiten. Dann ist es Genuss pur und nicht Verzicht. „ (Niko Paech im Vortrag vom 10.01.2013)

Wie leben wir in der Postwachstumsökonomie?

Um weiter in einer sozial stabilen und aufgeklärten Gesellschaft zu eben, die lediglich ein geringeres Versorgungslevel aufweist, sieht Paech sich ergänzende Versorgungssysteme und Maßnahmen als notwendig an:

  1. Es wird weiterhin Industrie mit langen Produktionsketten geben, allerdings weniger als zuvor.
  2. Es wird mehr Regionalwährungen und Genossenschaften geben
  3. Nicht nur die Industrie, auch wir werden uns teilweise selbst versorgen.
  4. Die Nutzungsdauer von Produkten und Produktionsmitteln wird wieder verlängert werden. Sie werden repariert, statt ausgetauscht.

Wie sieht Paechs Vision einer Postwachstumsökonomie für uns konkret aus?

  1. Wir sollen zu Prosumenten werden, die immer noch lustvoll konsumieren, aber gleichzeitig produzierend tätig sind.
  2. Die industrielle Arbeitszeit reduziert sich auf 20 Stunden. Unter industrieller Arbeitszeit versteht Paech alle arbeitsteiligen, geldbasierten Tätigkeiten, beispielsweise auch die Arbeit als Krankenpfleger. Mich erinnerte dies an das Interview mit der Soziologin Jutta Allmendinger auf Brigitte.de, in dem sie erklärt, dass eine Arbeitszeit von 32 Stunden als Durchschnitt über das gesamte Erwerbsleben ausreichen muss, um Zeit für sich selbst, Kinder und die Pflege von Angehörigen zu ermöglichen5.
  3. Teile unserer Kosten bezahlen wir mit regionalen Währungen, die nicht gesammelt oder verzinst werden können (weil sie, so Paech, beispielsweise verrosten).
  4. Wir müssen uns regional besser vernetzen, ein soziales Netz im Real Live aufbauen, um uns gegenseitig unterstützen und Fähigkeiten austauschen zu können. Wenn wir uns gegenseitig helfen und hochwertige, innovative Industrieprodukten gemeinsam nutzen, können die Produktionszahlen dieser Produkte reduziert werden. Ein Teil unserer neu verfügbaren Zeit werden wir daher für den Aufbau dieser belastbaren sozialen Beziehungen aufwenden müssen.
  1. Ein Mitschnitt des Vortrags in der Stuttgarter Zentralbibliothek ist hier nachzuhören
  2. Die von Niko Paech genannten Wachstumsgrenzen werden in Teil 1 dieser Serie erläutert.
  3. Vortragsfolien eines älteren Vortrags beim Wissenschaftsforum Hamburg.
  4. Leider konnte ich bis auf einer Erwähnung in Ausgabe 10/2000 der Zeitschrift brand eins, noch keinen Hinweis auf diese Studie finden. Aber ich suche weiter.
  5. Das zentrale Zitat bei Quote.fm.

Autor: Alice Scheerer

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