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Kampf um das Teltower Rübchen – Besuch der Illertisser Gartenlust

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Ohne Oma Utas Obstpflücker wäre ich nie nach Illertissen gekommen.

Illertissen ist eine Stadt in Mittelschwaben, hat ca. 16.330 Einwohner und liegt etwa 25 km südlich von Ulm und 30 km nördlich von Memmingen 1 .

Jedes Jahr, am zweiten Wochenende im September findet am Ortsrand die Illertisser Gartenlust -Markttage für Freunde der Gartenkultur- statt.

Daß dies eine durchorganisierte Veranstaltung ist, wird dem Besucher bereits auf dem Weg von Ulm nach Illertissen gewahr. Bereits am Ortsrand von Ulm ist die Illertisser Gartenlust ausgeschildert.

Der Parkplatz umfasst mehrere Fußballfelder, die Kälber, die sonst auf der Jungviehweide grasen, sind für diesen Zeitraum ausgelagert. Das Publikum ist zahlreich, und kommt größtenteils aus der Region. Mit einem Heidelberger Kennzeichen sind wir auf dem Parkplatz Exoten.

Gleich am Eingang stolpern wir in ein kleines Trödelparadies. In und um eine alte Wellblechgarage ist allerlei Altes malerisch dekoriert. Gartengeräte wechseln sich ab mit Glaskarraffen und Keksdosen.

#Herzblatt ist in seinem Element, erkennt Bekanntes und bestaunt Kurioses.

Ein paar Schritte weiter flechtet Frau Luzia Birle mit ihren Kolleginnen. Sie ist über die Liebe zum Garten zur Korbflechterei gekommen und hat sich auf grazile Gartendekorationen spezialisiert. Neben ihrer Kollektion, zu der Gartenampeln zum optischen Auslgeich von Höhen und Panele zum Sichtschutz gehören, fertigt sie auch Auftragsarbeiten und veranstaltet Kurse.

Luzia Birle beim Flechten

Luzia Birle, Inhaberin der Flechtwerkstatt Birle beim Flechten

Kampf um das Teltower Rübchen

Eine Lautsprecherdurchsage ruft uns in den Museumsneubau. Wolfram Franke, Herausgeber der Zeitschrift Kraut und Rüben2, referiert über Gärtnern in Zeiten des Klimawandels. In seinem Vortrag arbeitet keine Liste klimatoleranter Planzen ab, sondern beschreibt, wie man seinen Garten mit Erdaufschüttungen und einheimischen Planzen klimageschützt strukturieren kann. Hierbei reißt er auch Themen wie Permakultur 3 und Phänologie 4 an.

Mauern schützen, so Frank, nur vordergründig vor Wind. Durch die Mauer bilden sich gefährliche Fallwinde. Sein Garten hat an der Nordseite keine Mauer, sondern eine sanft abfallende, bewachsene Aufschüttung. Die bremst den Wind und konnte so seine Paprika vor dem neuerdings um die Eisheiligen wieder auftretenden Frost schützen.

Wind stört übrigens auch die Aufnahme von CO2 durch die Pflanzen, da er das aus dem Boden aufsteigende CO2 verwirbelt.

Wolfram Franke zeigte auch Fotos des Gewächshauses in seinem kleinen Reihenhausgarten. Dieses ist so ausgerichtet, daß die Sonne im optimalen Winkel durch das Glas scheint. An besonders kalten Tagen heizt er es mit Grableuchten.

Außerdem klärte uns Wolfram Frank über einen weit verbreiteten Fehler beim Aufbau von Kräuterspiralen auf, der seinen Ursprung in Tasmanien hat und beschieb den Aufbau seiner begehbaren Kräuterspirale. Eine vollständige Kräuterspirale enthält einen kleinen Tümpel an einer Seite, der das Sonnenlicht reflektiert. Betrachtet man die Abbildung in der ersten Publikation zum Aufbau von Kräuterspiralen, so scheint dieser Tümpel im Norden zu liegen. Das Sonnenlicht würde dann aber hinter die Kräuterspirale reflektiert. Was hat sich Bill Mollison, der Erfinder der Kräuterspirale dabei gedacht? Viele Publikationen enthalten hierzu komplexe Erklärungsansätze. Es gibt aber eine sehr schlüssige Erklärung: Der Erfinder Bill Mollison ist Tasmanier und hat Süden auf seiner Zeichnung ganz unauffällig nach oben verlegt5.

Auch Franke hat seinen Tümpel im Norden, er hat das Missverständnis leider zu spät entdeckt.

Immerwährendes Lernen, auch aus Fehlern, durchzog Wolfram Frankes Vortrag und machte ihn sehr sympatisch. Vermutlich auch deshalb drängte sich nach seinem Vortrag eine Menschentraube um ihn und versuchte ein Tütchen echte Teltower Rübchensamen für 2 Euro zu ergattern. Wir gingen leider leer aus.

Kampf um das Teltower Rübchen

Kampf um die Teltower Rübchen-Samen von Wolfram Franke

Nach dem Vortrag bummelten wir umher und erkundeten Gelände der „Stiftung Gartenkultur“. Es ist geprägt vom Kontrast zwischen Natur und Metallobjekten die Geschichten erzählen. Mit einem Boule-Platz und einer Pastis-Bar ist auch ein von Hauch Frankreich zu entdecken.

Auch viele der Aussteller und Verkäufer passen zu diesem Dekorationsstil.

Ein eleganter Herr

Geplant wurde die Anlage von einem „eleganten Herrn mit Strohhut, ohne Bart, aber mit freundlichem Lächeln“ und seinen Vereinsfreunden. Diese Beschreibung von Herrn Hundbiss trifft sein Erscheinungsbild so gut, daß ich ihn auf Anhieb erkannte. Allerdings brauchte ich 20 Minuten bis ich mich traute, ihn anzusprechen.

Die Gründer der Interessengemeinschaft zur Förderung der Gartenkultur e.V sind Dieter Gaissmayer und Wolfgang Hundbiss. Vor 15 Jahren gehörten sie zu den ersten Veranstaltern von Gartentagen.

Von Anfang an wurden Erlöse in den Ankauf historischer Gartengeräte investiert. Inzwischen umfasst die Sammlung mehr als 6000 Exponate, viele davon aus Großbritannien und Frankreich. Mitglieder der inzwischen gegründeten Stiftung GartenKultur machen sich regelmäßig auf die Suche nach neuen Schätzen und durchkämmen Flohmärkte und Werkzeugmärkte.

Ausstellungskonzepte wurden erstellt und bereits im Rahmen des blühenden Barock in Ludwigsburg und auf der Gartentschau in Kaiserslautern gezeigt. Thematisch orientieren sich die Ausstellungen an den gärterischen Tätigkeiten im Jahreslauf. Zum Beispiel „Vom Samenkorn zum Setzling“, „Die Regenmacher“ – Geschichte der gärtnerischen Gießgerät.

Nun erhält die Sammlung ein eigenes Museum. Der Rohbau steht bereits. Den Baufortschritt kann man im Bautagebuch verfolgen. Dort werden die Ausstellungen mehrmals jährlich wechseln. In ein paar Jahren, wenn das Thema Ernte erreicht ist, kommt der Obstpflücker dran.

Ich freue mich schon auf die Ausstellung.

  1. Wikipedia weiß noch mehr über Illertissen
  2. Wolfram Franke ist Herausgeber der Zeitschrift Kraut&Rüben. Sein Gartenjahrbuch kann man über slowlifelab bei Amazon bestellen.
  3. Wikipedia weiß mehr über Permakultur.
  4. Phänologie bei Wikipedia
  5. Mehr über Bill Mollison bei Wikipedia

Autor: Alice Scheerer

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