Hausforschung in der Puppenküche

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Hausforschung in der Puppenküche

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Zur Bescherung brachte das Christkind1 wie jedes Jahr die Puppenküche. Wie versprochen habe ich diesmal ihre Einrichtung unter die Lupe genommen und meine Mutter mit Fragen gelöchert.

Hier nun die Ergebnisse:

Die Kinder

Die Küche wurde vor mir von drei Personen bespielt:

1. Von meiner Großtante, geboren 1905

2. Von meiner Großmutter, geboren 1921

3. Von meiner Mutter, geboren am Anfang der 50er

Das Puppenküchengehäuse wurde für meine Großtante gebaut, vermutlich um das Jahr 1910. Ein Firmenemblem oder eine Signatur ist nicht zu erkennen, sodass wir annehmen, dass ein lokaler Tischler die Küche ggf. inspiriert von einer Vorlage, baute.

Einige Teile der Kücheneinrichtung können auch noch aus der Kindheit meiner Urgroßmutter stammen.

Der Herd

Der Herd 1910 und 1954

Der Herd von 1910 und sein Pendant im Jahre 1954.

Seit dem ich denken kann, steht in in unserer Puppenküche ein Herd aus Blech mit Bedienknöpfen aus Plastik. Es handelt sich um ein Modell der Firma Martin Fuchs Zirndorf (MFZ), vermutlich um das ab 1954 produzierte Modell Nr. 6065 oder einen seiner Nachfolger 2

Alle paar Jahre durfte ich mit diesem Herd richtig kochen. Die Rückwand wurde abgenommen, damit die dort angebrachten Plastikteile nicht schmelzen und ein Stückchen Esbit3 wurde in die Halterung eingelegt und angezündet.

Betrachtet man alte Fotos von Weihnachtsfesten, so ist zu erkennen, dass im Jahre 1954 noch ein anderer Herd in der Puppenküche stand: Eine mit Spiritus betreibbare Kochstelle, die ebenfalls noch existiert. Ihr Baujahr und ihren Hersteller konnte ich noch nicht ausmachen.

Die Möbel

Die Möbel

Das Baujahr der Möbel ist schwer bestimmbar.

Alle Möbel sind weiß und haben schwarze Griffe. Der Tisch steht immer im Zentrum der Puppenküche, hat aber eine Leiste an einer Längsseite. Vermutlich sollte er eigentlich als Zubereitungstisch (?) an der Wand stehen.

Da weiße Puppenküchenmöbel von 1900 an existierten und auch noch 1920 geläufig waren, lässt sich die Einrichtung unserer Puppenküche schlecht datieren 4.

Aufbewahrung 1910 & 1954

Das Buffet 1910 und 1954

Vergleich: Das Buffet 1910 und 1954

Die aus verschiedenen Epochen stammende Einrichtung der Puppenküche bieten sich zu einer kleinen Zeitreise an.

Ab dem späten 19. Jahrhundert hielt die Farbe weiß Einzug in die Küche, als Folge der Hygieneforschung 5. Das Tongeschirr stammt noch von meiner Urgroßmutter.

In den 50er Jahren wurde die Einrichtung der Puppenküche bunter. Das Besteck aus Metall wurde über die Jahre nicht nur um Besteck aus Aluminium, sondern auch um ein Set aus Plastik ergänzt.

Waschbecken oder Fensterbank?

Fensterbrett oder Spüle?

Vermutlich war das Fensterbrett als Spüle oder Ausguss gedacht.

Mit dem Fenster aus echtem Glas mit funktionstüchtigem Fenstergriff habe ich gerne gespielt. Die Bewohner entdeckten seltsame Vorgänge auf der Straße, Einbrecher kletterten durch das Fenster hinein … . Auf der Fensterbank standen von Anfang an kleine Topfpflanzen. Das weiße Ding unter dem Fenster war ein Fensterbrett, was sonst.

Erst vor Kurzem, nach einigen Besuchen in Freilichtmuseen wie Gottersdorf und dem Hessenpark, wurde mir klar, dass es sich bei dem weißen Fensterbrett ursprünglich um einen Spülstein oder ein Spülbecken gehandelt haben muss.
Diesmal konnte mir meine Standard-Anlaufstelle Wikipedia nicht wirklich weiterhelfen. Der Begriff Spülstein wird dort nur als Synonym für Ausguss erwähnt, seine Geschichte bleibt im Dunkeln 6. Ein Griff nach „Vergessene Haushaltstechniken“ von John Seymur 7 ist hilfreicher. Seymour erwähnt einerseits Waschbecken ohne Wasserhahn und andererseits Spülsteine. Erstere erhalten kaltes Wasser aus dem Brunnen und warmes aus einem Kessel im Kamin oder später aus dem Wasserschiff im Holzofen. Der Spülstein entwickelte sich Seymours Ansicht nach erst nach der Installation von Wasserleitungen. Er beschreibt ihn als flaches Steinbecken um den Wasserhahn oder die Pumpe, das auch als Arbeitsunterlage diente, zum Beispiel um Fleisch zu entbeinen und Gemüse zu säubern (vgl.“Vergessene Haushaltstechniken“ S. 50-51). Gespült wurde nicht direkt auf dem Spülstein, sondern in einer Schüssel. Das hatte einerseits hygienische Gründe, andererseits musste das kalte Wasser aus dem Hahn noch lange mit warmem Wasser aus dem Wasserschiff oder einem Kessel gemischt werden. Wie hat meine Großtante wohl Geschirrspülen gespielt?

Die Tür

Die Tür

Die Tür und die Stufe aus Parketthölzern,

Die Puppenküche hat einen seltsam hoch angebrachten Türrahmen. Seit dem ich denken kann, liegt davor eine aus Parkettleisten gefertigte Treppe. Vermutlich stammt diese Treppe aus den 60ern. Wie die Stufe zwischen Türrahmen und Puppenküchenboden früher überbrückt wurde, ist unbekannt.

Die im Moment eingebaute Tür stammt aus den späten Achtzigern und ersetzt eine von mir aus Wellpappe gebastelte Haustür8.

Die Puppenküche heute

Die Puppenküche ist nun #menschleins Reich und wird von einem fröhlichen Mix aus alten und neuen Puppen bewohnt.

So sieht die Puppenküche heute aus.

So sieht die Puppenküche heute aus.

Eigene Erinnerungen? Ideen zum Ursprung der Einrichtung oder dem hoch angebrachten Türrahmen? Ich freue mich über einen Kommentar!

  1. Der immer wieder aktualisierte Beitrag über das Christkind auf Wikipedia
  2. Quelle: Ein sehr ausführlicher und unterhaltsamer Artikel von Jörg Bohn zum Thema Blechküchen auf Puppenhausmuseum.de.
  3. Wofür steht die Abkürzung Esbit? Wikipedia weiß eine Antwort!
  4. Ein sehr schöner Überblick zur Entwicklung der Puppenküche und ihrer Farbgestaltung ist auf Antike-Spielsachen.de zu finden
  5. Mehr zur Entwicklung der Küche auf Planet-Wissen.de
  6. Spülstein bei Wikipedia).
  7. Das Buch ist leider im Moment vergriffen, es kann aber gebraucht über slowlifelab bei Amazon bestellt werden: Vergessene Haushaltstechniken.
  8. Ich bin immer noch unglücklich über diesen schmucklosen Ersatz.

Autor: Alice Scheerer

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