SlowLifeLab

Laboratorium für Traditionelles und Historisches

Die Renaissance, damals und heute

| 3 Kommentare

Tänzer und Musiker des Historischen Tanzkreis Bensheim auf dem Renaissance-Fest

Tänzer und Musiker des Historischen Tanzkreis Bensheim auf dem Renaissance-Fest

Der Begriff Renaissance italienisch rinascita oder Rinascimento wurde zum ersten Mal vom italienischen Künstler und vermutlich ersten Kunsthistoriker Giorgio Vasari (1511 – 1574) verwendet. Er meinte damit jedoch nicht die Wiedergeburt der Antike, sondern die der Kunst. Allerdings zählte er die Antike, neben der Natur, zu den Quellen aus denen die Kunst schöpfen müsse 1.

Er war es auch, der die Entwicklung der bisherigen Kunst in drei Zeitalter unterteilte2:

  1. das glanzvolle Zeitalter der griechisch-römischen Antike;
  2. ein Zwischenzeitalter des Verfalls, in etwa das Zeitalter des Mittelalters
  3. das Zeitalter des Wiederauflebens der Künste und der Wiederentdeckung antiker Philosophie und Architektur im Mittelalter seit etwa 1250

Inzwischen wurde der Begriff „Renaissance“ von der Kunst auf die Bereiche Philosophie, Wissenschaft und Politik ausgedehnt und wird zudem als Synonym für Wiederentdeckungen jeglicher Art verwendet3. Eine der wichtigsten Wandlungen war die vom theozentrischen zum anthropozentischen Weltbild. Nicht mehr Gott war der wichtigste, sondern der Mensch4.

Der Übergang von Mittelalter zur Renaissance wird heute als fließender angesehen als noch im 19. Jahrhundert. Auch die Epoche vor 1400 war nicht nur dunkel und statisch.

Die „Karolinische Renaissance“ im Frühmittelalter war übrigens keine, denn zu diesem Zeitpunkt waren noch latent Lateinkenntnisse,vorhanden. Karl der Große versammelte Gelehrte an seinem Hof und rettete hiermit Dichtung, Geschichtsschreibung und Theologie in lateinische Sprache über mehrere Jahrzehnte5.

Textiltechnik aus der Renaissancezeit

Während die philosophischen Neuerungen im Zeitalter der Renaissance zum Unterrichtsstoff gehören, so sind die Erfindungen im Bereich der Textiltechnik weniger bekannt. Im Lexikon der Renaissance werden sie alle aufgelistet 6.

Mode und Entwicklungen der Textiltechnik beschleunigten sich in der Renaissance gegenseitig. Überraschend viele Gewebearten und Techniken sind bereits in dieser Zeit entstanden.

Etamin: Trotz des modern anmutenden Namens wurde die Webtechnik des Etamin(e)-Gewebes, das heute als Grundlage für Stickereien und als Siebtuch verwendet wird, bereits in der Renaissance entwickelt7. Eine Weberei in Italien rühmt sich gar, seit dem 15. Jahrhundert die gleichen Stoffmuster auf den gleichen (oder zumindest jahrhundertealten) Webstühlen zu weben.

Flanell:Der Begriff Flanell kommt aus dem Keltischen und bezeichnete ursprünglich nur einfache Wolle8. In der Renaissance begann man mit dem Aufrauen eines Wollgewebes zum typischen Flanell 9.

Musselin:Der erste Musselin war bunt bedruckt und kam aus Mossul im heutigen Nordirak. Seine Blütezeit erlebte er allerdings nach der Renaissance Ende des 18. Jahrhunderts 10.

Damast:Eine Stoffe mit eingewebten Mustern durch den Wechsel von kett- und schusssichtigen Partien wurden schon vor dem 12. Jahrhundert in China hergestellt. Diese Technik verbreitete sich über Indien, Persien nach Syrien. Der in Damaskus produzierte Stoff wurde so bekannt, dass sich der Name der Stadt auf ihn übertrug: Damast.
Im Jahre 1666 wurde er zum ersten Mal in Deutschland hergestellt, in In Großschönau in der Oberlausitz 11.

Satin:Laut dem Lexikon der Renaissance ist Satin, „ein Seidenstoff hispanomaurischer Herkunft“, seit 1400 bekannt12.

Samt:Samt war Hauptgewebetyp der höfischen Renaissance. Kettsamt wurde bereits im frühen 13. in Italien hergestellt 13. 1474 waren in Mailand 15.000 Samtweber und andere Mitarbeiter beschäftigt. Samt wurde nicht nur zum Schneidern von Kleidung, sondern auch als Bezugsstoff für Kissen und Wände verwendet. Im Jahre 1605 erfand Claude Dangon eine Methode um Samt großformatig mit Mustern zu versehen. Über Flämische Weber gelangte die Samtweberei in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach England. In Deutschland wurde Samt erst im 18. Jahrhundert hergestellt.

Taft:Auch Taft gehört zu den im Lexikon der Renaissance aufgeführten Erfindungen aus dem Bereich Textiltechnik. Er stammt aus Persien.

Das [wp_booklooker_solo header=“Lexikon der Renaissance“ isbn=“9783323002685″] kann über slowlifelab bei Booklooker bestellt werden.

Klöppeln gegen die Krise

Annaberg-Buchholz, Barbara-Uthmann-Brunnen am Markt in Annaberg  (Quelle: Wikipedia, Fotograf: <a href="http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Annaberg_Barbara-Uthmann-Brunnen_2.jpg" target="_blank">Andreas Praefcke</a>)

Annaberg-Buchholz, Barbara-Uthmann-Brunnen am Markt in Annaberg (Quelle: Wikipedia, Fotograf: Andreas Praefcke)

Die erste freie Klöppelspitze, die Flechtsspitze. entstand in der Zeit der Renaissance. Es folgte die Reticellaspitze 14.

Eine Statue in Annaberg ist der Unternehmerin Barbara Uthmann (1514-1574) gewidmet, zum Dank für für den zweiten Aufschwung nach dem Niedergang des Silberbergbaus im Erzgebirge im 16. Jahrhundert. Der Überlieferung nach soll Barbara Uthman die Kunst des Klöppelns in der Erzgebirgeregion bekannt gemacht haben 15. Ob dies der Wahrheit entspricht ist inzwischen umstritten, die wirtschaftliche Tätigkeit der Barbara Uthman ist jedoch belegt. Sie beschäftigte zeitweise bis zu 900 Bortenwicklerinnen im von den Webern bekannten Verlagssystem16.

Das Erstellen von Spitzenmustern, dem sogenannte Kloppelbrief, setzt geometrisches Verständnis voraus. Wohl dem, der ein Spitzenmusterbuch besitzt. Das erste Spitzenmusterbuch wurde 1527 bzw. 1529 in Köln publiziert und 1882 vom Leipziger Kunstgewerbe-Museum wieder aufgelegt: Peter Quentel (Verleger), Musterbuch für Ornamente und Stickmuster.

Auch das Posamentieren wurde in dieser Zeit entwickelt, denn Tressen und Litzen waren stark gefragt.

Die erste Strumpfstrickmaschine

Seit dem 15, Jahrhundert trugen Männer aus Adel und Bürgertum zumeist Strumpfhosen.

Den vorderen Verschluss bildete zunächst ein einfacher Latz. Mit der Zeit erwuchs daraus die Barguette, auch „Schamkapsel“ genannt. Je nach Geschmack des Trägers war diese recht auffällig gestaltet, ausgestopft oder mit einer Tasche versehen in der auch mal ein Apfel zum Rendez-Vous transportiert wurde.

1577/8 bzw 1589 entwickelt Pastor William Lee die erste Strumpfstrickmaschine, bzw. den  Handkulierstuhl, das Strümpfestricken, das seine Frau als Nebenverdienst betrieb, zu beschleunigen. Sein erster und zweiter Versuch, die Strumpfstrickmaschine zum Patent anzumelden wurde von Queen Elizabeth (bzw. ihren Beamten) abgelehnt, um dieenglischen Strickerinnen vor der Arbeitslosigkeit zu schützen. Erst in Frankreich fand sein Patentgesuch Gehör bei Heinrich dem IV. Doch nach dessen Tod wurde sein Patent nicht mehr geschützt und er starb unglücklich 17.

Musik, Tanz und Gesellschaft

Tänzer und Musiker des Historischen Tanzkreis Bensheim auf dem Renaissance-Fest

Tänzer und Musiker des Historischen Tanzkreis Bensheim auf dem Renaissance-Fest


Durch die Neuerungen der Textiltechnik wurde die Kleidung prächtiger, körperbetonter und individueller.

Es änderte sich aber noch mehr …

In den Städte eiferte das neue Bürgertum den Adligen nach. Sie wollten auch Feste wie bei Hofe feiern, mit Musik und Tanz. Durch die steigende Nachfrage stieg das Ansehen der Musikanten, die zuvor an unterster Stufe der Gesellschaft standen. Insbesondere die Instrumental- und Tanzkunst wurde gefördert18.

Auf den Festen wurden die Tanzwilligen von professionellen Tanzmeistern angeleitet. Auch die Tänze unterlagen Moden und einem ständigen Innovationsdruck. Neben selbst entwickelten Tänzen und überarbeiteten Volkstänzen nutzten die Tanzmeister Tanzbücher, die noch heute überliefert sind z.B. von Tilman Susato, Joh. Chr. Demantius, Jaques Moderne, Giorgio Mainerio, Pierre Phalese, Pierre Attaingnat (Pariser Tanzbuch, Michael Praetorius.

An dieser Stelle vielen Dank an die 1. Vorsitzende des Historischen Tanzkreis Bensheim, Margret Hensel für die erleuchtende Einführung auf der Hardenburg.

Renaissance heute: Mit dem HTK Bensheim auf Schloss Hardenburg

Wie eingangs erwähnt, wird der Übergang zwischen Renaissance und Mittelalter heute als fließend betrachtet. Ein Renaissance-Fest kann deshalb auch Elemente eines Mittelalterfestes enthalten. Außerdem haben sich vergleichsweise wenige Gruppen auf das Thema „Renaissance“ spezialisiert.

Der Historische Tanzkreis Bensheim ist in mehreren Epochen und Schichten zu Hause.

Passend zum historischen Ambiente des Schloss Hardenburg wurde beim Renaissance-Fest am Pfingstwochenende 2013 höfisch getanzt und musiziert …. bis auf eine klitzekleine Ausnahme. Aber seht selbst:

Der nächste Auftritt des Historischen Tanzkreis Bensheim wird am 02.09.2013 in Bensheim sein. Beim großen Winzerfestumzug um ab 14:00 werden sich alle Musik- und Tanzrichtungen des HTK präsentieren.

Das Schloss Hardenburg

Die Hardenburg, genauer gesagt, das Schloss Hardenburg thront über dem gleichnamigen Ortsteil im Westen von Bad Dürkheim. Errichtet im 13. Jahrhundert als Höhenburg zum Schutz des Ortes und zum Erheben von Wegezöllen, wurde die Hardenburg im 16. Jahrhundert zum Hauptsitz der Grafen zu Leiningen 19. Die Leininger nutzten die Hardenburg sowohl zur Verteidigung, als auch zu Repräsentationszwecken. Besucher finden daher neben mächtigen Türmen und dunklen Katakomben auch die Überreste herrschaftlicher Wohnanlagen und feinen Geschirrs. Ein multimedial ausgestattetes Informationszentrum, Multimediaguides und nette Führer erläutern sehr anschaulich die Geschichte und den Alltag auf der Burg. Regelmäßige Feste und Veranstaltungen lassen die Renaissance wiederaufleben.

Blick auf das Schloss Hardenburg

Blick auf die Hardenburg

[wp_booklooker isbns=“9790001037440,9790203790273,9790012201335,9990050656221,9990050306119,9783570050759,9783323002685,3746680603″ limit=“1″]

  1. Quelle: „Europäische Stilkunde“ Eva Bösch-Supan, 1985 .
  2. Quelle: Wikipedia über Giorgio Vasari.
  3. Mehr dazu bei Wikipedia zum Thema Renaissance
  4. Die Philosophie der der Renaissance und des Humanismus wird sicherlich hier besser beschrieben.
  5. Mehr über die Karolinische Renaissance bei Wikipedia.
  6. Das Lexikon der Renaissance, von Gurst, Günther; Hoyer, Siegfried; Ullmann, Ernst; Zimmermann, Christa wurde im Jahr des Mauerfalls vom Bibliograhpischen Institut in Leipzig veröffentlicht. Ein Bemühen um Systemkonformität ist an manchen Formulierungen zu erkennen, es ist allerdings davon auszugehen, dass die Daten und fachlichen Angaben korrekt sind.
  7. Quelle: Lexikon der Renaissance“
  8. Quelle: Wikipedia über Flanell.
  9. Quelle: Gurst, Günther; Hoyer, Siegfried; Ullmann, Ernst; Zimmermann, Christa: Lexikon der Renaissance, Leipzig, 1989.
  10. Wikipedia über Musselin
  11. Quelle: Wikipedia über Damast.
  12. Quelle: Gurst, Günther; Hoyer, Siegfried; Ullmann, Ernst; Zimmermann, Christa: Lexikon der Renaissance, Leipzig, 1989
  13. Mehr über Samt bei Wikipedia über Samt.
  14. Quelle: Wikipedia über das Klöppeln.
  15. Mehr über Barbara Uthmann bei Wikipedia.
  16. Der Begriff „Verlag“ kommt von „Vorlegen“. Der Verleger legt z.B. Wolle und einen Webstuhl vor, der Weber webt den Stoff auf dem Webstuhl und wird anhand der verarbeiteten Menge bezahlt. Mehr über das Verlagssystem bei Wikipedia.
  17. Diese Geschichte ist vollständig nur im englischen Wikipedia zu finden.
  18. Mehr zur Entwicklung der Musik im Zeitalter der Renaissance auf Wikipedia.
  19. Mehr über das heute noch existierende Adelsgeschlecht der Grafen zu Leiningen bei Wikipedia .

Autor: Alice Scheerer

Sie sind auf der Suche nach einer Texterin und Online-Redakteurin? betreibt nicht nur dieses Blog, sondern bietet auch Corporate Blogging, Content Marketing und Recherchedienstleistungen an, z.B. für History Marketing. Nutzen Sie das Kontakt-Formular. Mehr Informationen zum Angebot auf alicescheerer.de.

3 Kommentare

  1. Pingback: Bayern und Zombies - SlowLifeLinks Nr. 11

  2. Pingback: SlowLife-Media: „Die Kultur der Reparatur“ - slowlifelab

  3. Pingback: Das Montagsbild: Hessentag - slowlifelab

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


↑ Back to Top ↑