SlowLifeLab

Laboratorium für Traditionelles und Historisches

Meine Berufsbezeichnung: Seit fast 25 Jahren neu und unbekannt

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Eine Informationswirtin auf der Reise in die Vergangenheit

Eine Informationswirtin auf der Reise in die Vergangenheit

Schreibt in Eure Blogs, wie Ihr Euch nennt, woher diese Jobbezeichnung stammt und was sich dahinter verbirgt. Macht Ihr mit?“ schrieb die liebe Wibke Ladwig in ihrem Blog sinnundverstand.net.

Warum nicht? Schließlich erwarb ich vor Jahren einen Titel, den ich inzwischen als Berufsbezeichnung verwende.

Frisch kreierte Berufsbezeichnungen hatte ich ein meinem Angestelltenleben so einige (meinen Start ins Berufsleben beging ich als „Knowledge Process Expert“), aber auch solche, die zum Gähnen langweilig klangen, wie z.B. „DV-Angestellte“ (für Java-Entwicklung in Bereich IT-Sicherheit).

Mein Fazit: Je ausgefallener die Bezeichnung war, umso weniger hatte mein Alltag mit dem zu tun, was ich mir darunter vorgestellt hatte. So lernte ich, handfeste Berufsbezeichnung mit einem Hauch von Understatement zu schätzen.

Ein eigenes Label finden

Beim ersten Businessplan war das Finden der Berufsbezeichnung die einfachste Aufgabe, es standen Software-Entwicklerin und Web-Developer zur Auswahl. Viel schwieriger war es, zu erklären, was mich in diesem Metier unverwechselbar machen würde.

Ich gab ergebnislos auf.

Ein paar Jahre später hatte ich mich eingehend mit dem Thema Unverwechselbarkeit beschäftigt, einen weiteren Businessplan geschrieben und wieder verworfen.

Unter welchem Label sollte ich nun die Stunden verbringen, die mir abzüglich Zeit mit #menschlein bleiben? In denen ich meine Ansichten formulieren und zeigen will, dass ich kombinieren, recherchieren und schreiben kann? Und vor allem … welchen Beruf sollte ich in Formulare eintragen, wenn nach der Berufsbezeichnung gefragt wird?

„Du hast doch schon eine Berufsbezeichnung!“ sprach mein Herzblatt da und schaute mich irritiert an. Als Diplom Ingenieur Elektrotechnik kann er die Problematik nur schlecht nachvollziehen.

Akademischer Titel und Berufsbezeichnung

Viele Menschen, die nicht gerade in einem Katalogberuf arbeiten, haben mit ihrem Studium abgeschlossen. Es gibt Germanisten die Chief Technology Officer sind, Statistiker, die Werbeplätze verkaufen und Diplom Psychologen, die mit der Bezeichnung „Human Resource Agent“ verschmelzen.

Aber ich habe es schon vor dem Studium geliebt, Informationen zu beschaffen, zu kombinieren und verfügbar zu machen. Hätte ich dieses wunderbare Studium nicht gefunden, wäre ich entweder zum Bundesnachrichtendienst gegangen oder Stalker geworden. Journalist zu werden traute ich mich damals nicht.

Nun bin ich Diplom Informationswirtin (FH). Diese Bezeichnung erhielt man an der FH-Darmstadt zwischen dem Jahr 1989 und 2004 1 nach dem Abschluss des Studiums der Information und Dokumentation, Fachrichtung Medien- und Wirtschaftsinformation2.

Woher und Warum?

Gehen wir zurück ins Jahr 1957: Sputnik schockt die westliche Welt 3.

Wissenschaftler machten sich mit großem Aufwand an die Entschlüsselung von Sputniks Satellitensignal. Erst danach stellte man fest, dass das Signal bereits entschlüsselt und eine Beschreibung dessen veröffentlicht worden war. Es gab keine zentrale Informationsquelle über wissenschaftliche Publikationen. Wissen und Wissensträger waren nicht vernetzt 4.

In den USA führte dies u.A. zur Entwicklung des ARPA-Net, in Deutschland zum IuD Programm (1975-1977)5 und zur Gründung informationswissenschaftlicher und informationspraktischer Studiengänge. Vorhandenes Wissen und neues Wissen sollte abgelegt und verfügbar gemacht werden.

Das Studium

Wir lernten einen bunten Mix aus Methoden (z.B. Abstracts schreiben, Indexieren, Fragebogen gestalten), Technik (z.B. Netzwerktypen, Datenbankmodellierung), Informationsrecherche in professionellen Datenbanken und Allgemeinwissen zum „Einfühlen“ bei der Recherche (BWL, VWL, Statistik, Medien).

Zukünftige Arbeitsfelder waren z.B. die Arbeit in Archiven, das Erstellen von Dossiers für Unternehmensberater oder auch die frisch entstandene Dotcom-Branche. Überrascht von meiner Kompatibilität mit Computern ging ich den Weg des schnellen Geldes und brachte mir das fehlende Programmierwissen selbst bei.

Wissensmanagement & Budget

Die Diplomarbeit schrieb ich über das Thema Lessons Learned aus IT-Projekten. Ich wollte, getrieben von jugendlichem Missionsgeist, die Software-Entwicklung durch das Datenbank-gestütztes Wiederverwenden negativer und positiver Erfahrungen beschleunigen.

Im Nachgang der Arbeit stellte ich fest, dass Lessons Learned  im Bereich des IT-Projektmanagements rein kathartische Funktion haben und nur selten wiederverwendet werden. Für den Prozess des Nachdenkens über Probleme aus vergangen Projekten steht vor einem neuen Projekt kein Budget zur Verfügung.

Auf slowlifelab, dem Laboratorium für Traditionelles und Historisches konzentriere ich mich nun auf das Wiederverwenden konkreter Gegenstände, positiver Erfahrungen lebender und negativer Erfahrungen toter Personen. Meine Zielgruppe sind Personen mit unbudgetierter, freier Denkzeit.

Zur Diplom Informationswirtin, die auch nach fast 25 Jahren noch für einen neumodischen Studiengang oder gar ein unseriöses Fernstudium gehalten wird, füge ich meistens noch die inzwischen auch fast klassische „Bloggerin“ hinzu. Ersteres beschreibt die Herangehensweise, das zweite die Ergebnisform.

  1. Möglicherweise schlossen die ersten Studenten auch mit dem Titel Diplom Dokumentar ab.
  2. Inzwischen heißt der Studiengang “Informationswissenschaft” und man kann sie in Darmstadt als Bachelor und Master abschließen.
  3. Mehr zum Thema Sputnik-Schock im Artikel Der Sputnik-Schock und die Entwicklung der (Fach-)Informationspolitik in der Bundesrepublik Deutschland und im Wikipedia-Eintrag für Dokumentationswissenschaft
  4. Quelle und mehr Informationen im Wikipedia-Eintrag für Dokumentationswissenschaft
  5. Mehr zum IuD Programm

Autor: Alice Scheerer

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4 Kommentare

  1. Juchee! RT @LetzterHeller: Tusch! Konfetti! Der Beitrag von slowlifelab zur #Blogparade ist fertig! http://t.co/Uv7gx2Lc5m #berufsbilder

  2. Schon gesehen? Heute stelle ich den „Informationswirt“ vor. Nur echt mit dem Sputnik! http://t.co/BRGxJKKASU #blogparade #slowlifelab

  3. Pingback: Arbeiten und nicht verzweifeln ... ein Zufallsfund

  4. Pingback: Best Blog Award: Elf Fragen, Elf Antworten - - Alice Scheerer

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