SlowLifeLab

Laboratorium für Traditionelles und Historisches

Der Fortschritt hält Einzug!

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Mein Urgroßvater war Stoffhändler. Auch meine Großmutter handelte in jungen Jahren mit Stoffen.
Ich erinnere mich gerne an die Stunden in ihrem Nähzimmer in dem sie noch Schätze aus dieser Zeit aufbewahrte. Wie liebte ich es, die Schubladen des Nähseidekastens zu öffnen und zu schließen und unsichtbaren Kunden echte Nähseide zu verkaufen. In jedem der kleinen Fächer war noch Nähseide vorhanden. Natürlich nach Farben geordnet.

Noch heute sind die Farbmuster im Nähseidekasten fast komplett.

Noch heute sind die Farbmuster im Nähseidekasten fast komplett.

Noch heute beneide ich jeden, der so einen Kasten besitzt1. Nicht um der Nähseide willen, sondern weil er so praktisch und solide wirkt. Wer so einen Kasten hat, kann ihn als Büro- oder Werkstattmöbel zweckentfremden. Er kann seinen ganzen Kleinkram darin aufräumen. Dieser Kasten ist stabil. Und trotzdem ist er nicht kalt und abweisend, das lackierte Holz wirkt warm und sonnig.

Altes Bürozubehör haben es mir und auch meinem Herzblatt schon früh angetan. Unter uns: Seine Sammlung alten Bürozubehörs war einer der Gründe, bei ihm einzuziehen.

Auszug aus der Sammlung: Herzblatts alte Tacker und Locher

Auszug aus der Sammlung: Herzblatts alte Tacker und Locher

Den Kontorstuhl von Sedus konnte ich zu Lebzeiten von meinem Großvater erbetteln. Einen schwarzen Stempeldreher hat Herzblatt sich gekauft und ich konnte mich selbst gerade noch davon abhalten, eine Garage voller Stempelgriffe bei Ebay zu ersteigern. Aber nur, weil ich bis heute nicht weiß, wie man klassische Gummistempel herstellt.

Kontorstuhl von Sedus

Kontorstuhl von Sedus

Auf dem Karteikasten in dem ich Notizbücher, Locher und Tacker aufbewahre, ist noch der Preis zu erkennen, aber nicht die Währung. Das Modell HAN 505 wird heute noch hergestellt. In den letzten 50 Jahren änderte sich nur anfangs aus Metall gefertigte Griff.
Im Sozialkaufhaus, der überdachten Alternative zum Flohmarkt, kostete er glücklicherweise nur ein paar Euro.

HAN 505 als Sammelbox für Tacker & Co

HAN 505 als Sammelbox für Tacker & Co

Ich mag auch Bürozubehör aus Hartpappe wie den Pultordner von Elba, der noch genauso aussieht wie früher2.

Im slowlifelab hält der Fortschritt Einzug

Schon lange hatte ich mir ein Ablagesystem gewünscht. Vielleicht ein Organizer von Werkhaus?Auch vor der Briefablage KVISSLE stand ich lange. Aber war der nicht zu hoch und zu schwer? Ich beschloss, mir einen vom Universum zu bestellen. Das hatte schon öfter funktioniert.

Vor ein paar Tagen kam Herzblatt mit einer Überraschung nach Hause. Extra für mich! Einem wunderbaren beweglichen Ablagesystem mit der Aufschrift „Fortschritt“. Das Holz hat eine ähnlich angenehme Tönung wie der Nähseidekasten. Auch das Design ist einfach und funktional und sagt: „Wer mich hat, kann alles aufräumen.“.
Nach ein wenig Abstauben zog es neben meinen Karteikasten und wurde sofort belebt.

Die Dokumentenablage aus dem Hause Fortschritt

Die Dokumentenablage aus dem Hause Fortschritt

Inzwischen habe ich ein wenig nach seiner Herkunft recherchiert. Fortschritt ist nicht der Name des Modells, sondern der des Herstellers. Die „Büro-Einrichtungsfabrik Fortschritt“ (später Fortschritt Büromöbel GmbH) wurde 1901 in Freiburg im Breisgau gegründet und stellte z.B. Karteikästen, Schreibmaschinen-Versenktische und Schubladenschränke, Außer einem bekannten Hängeregistratursystem ließ Fortschritt viele Neuerungen patentieren3.

Einer ihrer Claims lautete

Die ordnende Hand im modernen Betrieb

ein weiterer

Zu dienen den Menschen in Kontoren und Amtsstuben Quelle: Wikipedia

Im Jahr 1976 wurde die Fortschritt Büromöbel GmbH insolvent. Nach der Übernahme durch die Wormer Schärf-Gruppe folgten erfolgreiche Jahre. 1985 stattete Fortschritt die Bonner Abgeordneten-Büros mit Computertischen aus. Produziert wurde weiterhin in Freiburg.

Im Jahr 1994 wurde Schärf von der niederländischen Samas-Gruppe übernommen. Der Produktionsstandort in Freiburg blieb bis 2005 bestehen 4, der Markenname ‚Fortschritt‘ verschwand nach der Übername durch das schwedische Unternehmen Kinnarps 2010.

Laut Wikipedia gehörte Fortschritt ‚lange‘ der Familie Gütermann aus Gutach im Breisgau 5, womit wir letztendlich wieder bei der Nähseide angekommen sind. Allerdings verkauft Gütermann seine Nähseide schon seit der den Dreißiger Jahren über patentierte Schnellverkaufskästen, die nicht oder nur sehr schwer zur Büroorganisation zweckzuentfremden sind6.

  1. Zum Beispiel meine Mutter, die ihn extra für mich fotografiert hat..
  2. Mehr über ELBA bei Wikipedia.
  3. Quelle: Deutsches Patent- und Markenamt.
  4. Laut der GENIOS Firmeninformationen ist die Fortschritt Büromöbel GmbH seit 2007 ein reiner Vertriebsstandort.
  5. Leider ließ sich bisher kein weiterer Beleg für diese Verbindung finden.
  6. Laut DPMA wurde das erste Patent für den Schnellverkaufskasten am 26.05.1932 eingereicht und am 15. März 1933 eingetragen. Es folgten Patente weiterentwickelter Versionen.

Autor: Alice Scheerer

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5 Kommentare

  1. Heute geht es auf slowlifelab.de um Altbewährtes und Wiederentdecktes im Büro: http://t.co/NssFUVlE8V #retrobüro #fortschritt

  2. Ich mag diesen Blog ja :) … Die Sachen die du zeigst wurden halt noch hergestellt für die Ewigkeit aus vernünftigen Materialien. Kein Plastik, schon gar nicht bei irgendwelchen beweglichen Teilen. Schade das so wenige Menschen auf solche Dinge Wert legen! Auch wenn es gefühlt (aber Thema eigene Realitäts-Blase und so) immer mehr werden.

  3. @ulmerverlag Wer ganz genau hinsieht, entdeckt mein unverwüstliches Freiheitssymbol. http://t.co/hDujMyVw69

  4. Ich will auch so ein Nähseidekastenhaben *hrmf* http://t.co/HKadFbJLU0

  5. Pingback: Blogparade Arbeitsplatz der Zukunft: Produktiv sein statt Mimikry - - Alice Scheerer

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