SlowLifeLab

Laboratorium für Traditionelles und Historisches

„Das Wilde Dutzend“ im SlowLife-Interview

| 5 Kommentare

Das wilde Dutzend Verlagsteam

Dorothea Martin und Simone Veenstra mit Produkten aus der Manufaktur (© Das Wilde Dutzend)

Das wilde Dutzend ist Geheimloge, Manufaktur und Verlag zugleich und schafft es immer wieder, Historisches mit neusten Technologien und ausgefallenen Herangehensweisen zu vereinen. Neben dem sagenumwobenen Laden in der Hagenauer Straße soll es bald ein Festival in Berlin geben. Grund genug für ein SlowLife-Interview!
Wie es sich für ein Dutzend gehört, hat es natürlich 13 Mitglieder. Das Interview führte ich mit Dorothea Martin und Simone Veenstra.

Im slowlifelab steht das Wiederverwenden von historischen und traditionellen Techniken und Gegenständen im Mittelpunkt. Was verbindet Ihr mit diesem Thema? Verwendet Ihr etwas wieder?

Das wilde Dutzend: Spontan fallen uns da als Antwort gleich zwei wesentliche Grundsätze des wilden Dutzends ein: Zum einen – betrachtet man die jahrhundertealte Geschichte des Bundes Das wilde Dutzend-, stellt sich schnell heraus, dass hier Historisches (aus Literatur- oder Kunstgeschichte) zum Leben erweckt wird, mit dem „Jetzt“ verknüpft durch die Leitfrage: „Was wäre gewesen, wenn…?“. Zum anderen haben alle bei uns verlegten Bücher einen Mehrwert für Buchfreunde und Menschen mit Freude an der Kunst des Buchdrucks, an Illustration und Design. So haben wir uns beispielsweise für das Hintergrund-Design der Seiten von „Die Guten, die Bösen und die Toten“ an Stockflecken1 antiker Bücher orientiert. „Wer kann für böse Träume“ dagegen ist im Schön-/Wiederdruckverfahren2 mit einer Sonderfarbe entstanden, das sich für keinen der Mainstreamverlage noch rechnet – und das uns für die optimalen Seitenbelegung so manche Nachtstunde gekostet hat…
Außerdem produzieren wir für jedes Buch eine zusätzliche limitierte Auflage samt dazugehörigem speziellem Druck oder – wie das letzte Mal – Radierung.

Die Guten, die Bösen und die Toten - Vernissage

Blick in das erste Buch „Die guten, die Bösen und die Toten“ (© Das Wilde Dutzend)

Die Standard-Frage, die jedem Interview-Partner gestellt wird: Welches Verhältnis habt Ihr zu alten Gegenständen und Erbstücken? Seid Ihr Bewahrer oder Ausmister?

Das wilde Dutzend:Haha, das ist ganz eindeutig: Wir sind Sammler! Wir schaffen es einfach nicht, uns von geerbten, gefundenen, geretteten Dingen zu trennen, denn:

Damit könnte man ja noch einmal etwas machen. Und ganz ehrlich: Zu 90 Prozent stimmt das auch!

Wir machen Notizbücher aus antiquarischer Literatur, Schmuck und Kunstgegenstände aus alten Druckseiten, Blumenkübel aus Weinkisten, beschreibbare Tische aus Paletten … Zum Glück gibt es nicht nur das Archiv, sondern auch noch einen ganz normalen Keller, in dem sich diverse Gegenstände stapeln, denen wir gerne zu einem neuen Leben verhelfen wollen.

In Notizheften hielt Adele ihre Ermittlungen

Limitierte Hefte und Geheimtinte im Verlagsladen (© Das Wilde Dutzend)

Ihr entwickelt (unter anderem) Bücher für bibliophile Menschen mit eigener Typographie und künstlerischer Bebilderung. Was haltet Ihr von Prophezeiungen wie „Das Buch ist tot“ und Begriffen wie „Totholz“?

Das wilde Dutzend:Der Untergang des Abendlandes ist ja schon oft vorhergesagt worden, daher, um ehrlich zu sein: Immer her mit Trends und darauf folgenden marktschreierischen Schlagzeilen. Zu einem Teil wohnt ihnen manchmal ja ein Fünkchen Wahrheit inne und sich dem zu verweigern, nur um des Verweigerns willens hilft nicht wirklich weiter. Einer der Schwerpunkte unseres Verlages ist es, unsere traditionell erstellten Bücher mit einer transmedialen Staffel rund um Entstehungsgeschichte und deren Geheimnisse zu begleiten. Weshalb wir da vermutlich grundsätzlich irgendwo zwischen zwei Lagern stehen. Buchproduktion in der Manufaktur, die Inhalte und Geschichten aber über die Buchdeckel hinaus interaktiv, kollaborativ und über Mediengrenzen hinweg erzählt. Genau in diesem Zwischenbereich passiert ganz viel, hier kann man wirklich interessante, neue Erzählsituationen schaffen. Und ja, es stimmt, mehr und mehr Leute lesen digital – aber Hauptsache ist doch, sie lesen, richtig? Wird das Buch zum Kunstgegenstand? Ja, vielleicht, aber ist das denn wirklich schlimm? Die persönliche Nutzung der Medien ändert sich alle Jahrhunderte und momentan verkürzt sich die Zeitspanne der einzelnen Veränderungen rapide. Nichts desto trotz kann dies ebenfalls eine Chance sein, die dem zugute kommt, was sich niemals wirklich ändern wird: Dem Bedürfnis nach guten Geschichten in ansprechender (womöglich unterschiedlicher) Form.

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Auch Ausstellungen sind Teil des transmedialen Konzepts von „Das wilde Dutzend“ (© Das Wilde Dutzend)

Für Forscher nach der Geschichte und den Geschichten alter Dinge ist Euer Laden bestimmt interessant. In was kann man dort stöbern? Was kann man dort kaufen?

Das wilde Dutzend:Wer die Verlagsräume betritt, befindet sich automatisch in der Welt des wilden Dutzends: Der Laden ist dem letzten bekannten Büro von Adele in Berlin nachempfunden – dem einzigen Mitglied der geheimen Loge, das jemals öffentlich auftrat. Sprich: Der Laden ist auch ein Adele-Museum und damit eine kleine Entdeckungstour ins Berlin des Jahres 1910. Außerdem finden sich hier neben unseren Büchern und den limitierten Auflagen auch dazugehörige Produkte unserer Manufaktur: historische Blumendrucke samt Informationen über deren geschichtlich (nicht immer verbürgte) mysteriöse Nutzung, Geheimtinte, Schmuckgegenstände aus seltenen Originalausgaben, Zeichen- oder Notizbücher u.v.m. Wir haben nur Einzelstücke, da eigenhändig aus und mit antiquarischen Vorlagen gefertigt.

Halloween, Kürbisse, Das wilde Dutzend

Stuck !!! Heimlicher Blick in den Laden (© Das Wilde Dutzend)

Ihr bietet auch Workshops an. Was kann man von Euch lernen bzw. gemeinsam mit Euch machen?

Das wilde Dutzend:Im Zentrum unserer „Kreativlabore“ steht immer das Erzählen eigener Geschichten – vom Märchen bis zur transmedialen Erzählung. Das ist auch der Bereich, in dem wir über Das wilde Dutzend hinaus bereits seit mehreren Jahren arbeiten: als Autoren für Prosa, Film, Fernsehen & im transmedialen Storytelling, als Pädagogen und Marketingprofis. Darüber hinaus existieren zusätzliche Module wie das Umsetzen der eigenen Geschichte zum Beispiel im Handwerk der Bucherstellung und -bindung.

Buchrücken abgeleimt (Behelfskonstruktion) #buchmanufaktur @daswildedutzend

Bücher binden mit dem „Wilden Dutzend“ (© Das Wilde Dutzend)

Zur Information: Das Wilde Dutzend hat am 27.08.2013 gemeinsam mit einer Klasse der Sachsenwald Grundschule den Förderpreis PLus, Preis für Praktisches Lernen des Landes Berlin gewonnen.

Die Veranstaltungsreihe „Adeles Salon“ ist als „Pen und Paper3“ -Runde angelegt. Was kann ich mir darunter vorstellen? Kann man daran auch via SocialMedia teilnehmen?

Das wilde Dutzend: Adeles Salon ist ein regelmäßiger interaktiver und kreativer Spieleabend, der mit unserem ersten Buch (der viktorianischen Schreckenschronik „Die Guten, die Bösen und die Toten“) seinen Anfang nahm. Innerhalb des Spieles helfen einige fiktionale Figuren (in deren Haut man schlüpfen kann) der Logendetektivin Adele Fälle zu lösen, die sich rund um unsere Bücher ergeben. Das allererste Rätsel beschäftigte sich beispielsweise mit der Frage, wohin der Autor des Buches im Jahre 1900 eigentlich verschwand und mit ihm sein Manuskript. Denn im Jahre 2009 fand die Hamburgerin Ebeneeza K. die Schriften Johan von Riepenbreuchs auf dem Dachboden ihrer Großmutter. Nur: wie waren sie dahin gekommen? Und was hatte es mit Johans Flucht aus England auf sich?

Das Logenmitglied Adele arbeitete an diesem Tisch im Berlin des Jahres 1900

Der Schreibtisch von Adele, dem einzigen Logenmitglied das in die Öffentlichkeit trat (© Das Wilde Dutzend)

Aktuell dreht sich alles darum, was der eigentliche Grund war, warum die Brüder Grimm ihre Märchen so oft und so weitreichend verändert haben. Wer die Menschen waren, die ihnen die Vorlagen dazu lieferten und die sie selbst ja möglichst geheim hielten. Oder warum sie die Urfassung des neben der Bibel bekanntesten Buches verbrannt haben – ein Manuskript, das sich glücklicherweise noch im Besitz von Clemens Brentano befand … Also: Fragen über Fragen, denen man spielerisch und historisch untermauert mit Fantasie und Kreativität zu Leibe rücken kann. Und Abenteuer, deren Storyline wir gemeinsam mit einem professionellen Spielleiter grob anlegen, deren Antworten aber trotzdem zu einem Teil davon abhängig sind, was die Mitspielenden wann und wie entscheiden. Und das ist für uns jedes Mal von Neuem spannend. Denn je nach Herangehensweise, eigenen Ideen und Zusammenspiel der Spieler ergibt sich ein Einblick in einen Teil der vorbereiteten Welt, die wir selbst noch gar nicht besucht haben!

Leserbrief an Sphinx von Arthur von Riepenbreuch

Auch bei „Adeles Salons“ spielen Artefakte aus der Vergangenheit eine große Rolle (© Das Wilde Dutzend)

Letztendlich soll es möglich sein, auch außerhalb von Berlin an diesen Storysitzungen über Social Media teilzunehmen. Doch noch loten wir die Möglichkeiten wie Facebook-Timelines oder Twitter-Storyevents etc. der fiktiven Figuren aus. Zum Festival am 21.9. wird es bereits eine Twitter und Live-Event-Verschränkung geben: gemeinsam erzählen wir eine 24h Märchengeschichte und am zweiten Novemberwochenende startet der nächste Salon Adeles, wozu es ein Google Hangout bzw. YouTube Livestream Event geben wird. Unsere Idee ist es, die Onlineteilnahme so unkompliziert wie möglich zu machen, um persönliches Treffen vor Ort und kreatives Miteinander im Netz zu verknüpfen. Sprich: Wir basteln daran und hoffen, 2014 damit dann als Reihe an den Start zu gehen!

Vom 30.04. bis zum 04.05.2013 habt Ihr in der Ausstellung „Making of Secret Grimm” im Kunsttempel in Kassel einen Einblick in Eure Verlags- und Storytelling-Arbeit gegeben. Besteht eine Chance, dass die Ausstellung wiederholt wird?

Das wilde Dutzend:Wir haben diese multimediale Ausstellung plus interaktiver Schnitzeljagd rund um das Buch „Wer kann für böse Träume“ von Anfang an eigentlich als Wanderausstellung geplant. Und so macht sie am 21.9.2013 Teil unseres Wunderland-Festivals im Filmhaus Babylon Mitte aus, das das gesamte Kino in ein Märchenland zum Mitmachen verwandelt. Vom 13.10. bis 19.11.2013 ist sie leicht verändert im Galeriehaus Nord in Nürnberg zu sehen, vom 18.-20.10. sind wir in Genua auf dem Babel-Festival mit Bildern und Büchern und am 16.11.2013 präsentieren wir das Buch samt Herstellung und Lesungen im Literaturhaus NRW in Düsseldorf.

Für weitere Vorschläge sind wir offen und dankbar und freuen uns über Hinweise, Infos, Ideen an: office [@] das-wilde-dutzend [punkt] de!

Buchsendung! #verlagsalltag #dwd

Wer kann was für böse Träume – The Secret Grimm Files (© Das Wilde Dutzend)

In einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk4 habt Ihr gesagt, dass Ihr Euch nach dem Erscheinen eines Buches 12 Monate Zeit lasst, um eine interaktive Staffel rund um das Buch und seine Hintergrundgeschichte zu weben. Fällt Euch diese vergleichsweise entschleunigte Arbeitsweise immer noch leicht, oder fühlt ihr einen Druck zur Beschleunigung?

Das wilde Dutzend: Nein, wir sind uns beide einig, 12 Monate – ein Buch ist noch immer die entschleunigte perfekte Zeitschiene. Nun ja, vielleicht in Wahrheit gar nicht mal so wahnsinnig entschleunigt, denn zum einen braucht es seine Zeit, ein Buch von der Idee über den Satz, die Wahl des Papiers, den perfekten Druck etc. zu begleiten, wenn man dabei fast alles selber macht. Zum anderen sind wir nun mal sehr weit entfernt von dem, was als „regulärer Verlag“ gilt: Wir veröffentlichen nicht mehrere Bücher pro Zeitraum in der Hoffnung, dass eines die anderen mitträgt. Wir machen eines von Design über Papierauswahl bis hin zur speziellen Farbgebung durchdacht und kreieren gleichzeitig diverse, darauf abgestimmte Storylines auf unterschiedlichen Medien rund herum. Unser Wunsch ist es, noch mehr „Welten“ zu erschaffen, an denen auch Menschen außerhalb Berlins teilnehmen und eintauchen wollen. Ideen dazu gibt es viele …

Wer kann was für böse Träume – frisch gedruckt! (© Das Wilde Dutzend)

Ihr habt vor Kurzem ein Praktikum angeboten. Eine der Tätigkeiten war die Mitarbeit an der Organisation eines „Wunderland Festivals“. Was ist das für ein Festival? Dürft ihr schon etwas darüber verraten?

Das wilde Dutzend: Wir dürfen und tun es sehr gerne – und wir sind übrigens auch noch für Ideen/Angebote offen:

Das Festival „24h Wunderland -Die Brüder Grimm ist das erste Transmedia Storytelling Festival Berlins, das am 21.9.2013 im Babylon5 seine Premiere feiert.

Premiere deshalb, da wir planen daraus ein jährlich wiederkehrendes Event mit jeweils unterschiedlichem Oberthema zu gestalten. Zum Grimm-Jahr und natürlich wegen unseres aktuellen Buches dreht sich dieses Mal alles um die Märchen der Brüder Grimm: Dafür verwandeln wir das gesamte Babylon in eine begehbare Märchenwelt, die dazu einlädt, mitzumischen. Und das alles für Klein und Groß: tagsüber ist Familienprogramm, abends dann Lesungen, Märchenfilmrollen für Erwachsene und mit La Fête Fabuleuse ein rauschender Ball als Abschluss.

Wollt Ihr noch etwas loswerden?

Das wilde Dutzend:Wenn du uns so fragst: Wir freuen uns über Menschen, die auf ähnliche Projekte Lust haben, auf Neugierige, die bei uns in Berlin im Laden vorbeischauen wollen (schreibt uns gerne vorher eine Mail) und natürlich, dass wir Teil des Slowlife Labs sein durften!

In die Welt des „Wilden Dutzend“ eintauchen

Das wilde Dutzend Verlag
Hagenauerstr. 2
D-10435 Berlin
fon: 030 28 88 31 99

Das wilde Dutzend ist auf den meisten SocialMedia-Platformen vertreten, hier eine Auswahl:

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  1. Woher kommen eigentlich Stockflecken?
  2. Etwas über das Widerdruckverfahren bei Wikipedia.
  3. Wikipedia weiß, was eine Pen und Paper-Runde ist.
  4. Das Interview auf der Website des Bayrischen Rundfunks.
  5. Das Babylon ist ein Kino im Berliner Bezirk Mitte. Mehr über das Babylon auf seiner Website.

Autor: Alice Scheerer

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5 Kommentare

  1. Vielen Dank für das großartige Interview – ich muss zu meiner großen Schande gestehen, dass mir das Wilde Dutzend hier zum ersten Mal über den Weg gelaufen ist. Aber bestimmt nicht zum letzten. Tolle Bücher, tolle Ideen.

    • Liebe Sabine,

      es freut mich sehr, dass Dir das Interview und Das wilde Dutzend gefällt.
      Es nicht nicht zu kennen ist doch keine Schande, dann wäre das Interview ja ganz unnötig.
      Liebe Grüße,
      Alice

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