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Brunnenfunde

Brunnenfunde auf der Burg Ebernburg


Am letzten Wochenende stolperte ich eher zufällig über einen höchst spannenden Schrotthaufen. Im Hof der Burg Ebernburg bei Bad Münster am Stein türmten sich allerlei Alltagsgegenstände, zumeist von Rost, getrocknetem Schlamm und Algenresten überzogen.
Der Burgbrunnen barg eine Zeitkapsel.

Unter den Funden war ein alter Fahrradstattel,

Brunnefund: Alter Fahrradsattel

Brunnefund: Alter Fahrradsattel

… viele Rostige Metallkoffer und Kanister …

Brunnenfund: Alte Koffer, korrodiert

Brunnenfund: Alte Koffer

… sowie ein Schmortopf und einen urtümliche Kaffeemaschine, beide augenscheinlich für Großküchen ausgelegt und mit Holz betrieben.

Verschiedene Kessel aus dem Brunnen

Verschiedene Kessel aus dem Brunnen

Wie die Erfahrung im Hades zeigt, gehören alte Flaschen, Kanister und Fahrradzubehör zu den eher häufigen Funden. Aber wer warf eine riesige Kaffeemaschine in den Brunnen?

Was mich zudem wunderte: Oft werden solche neuzeitlichen Funde achtlos als Schrott entsorgt. Die Funde auf der Burg Ebernburg sind zwar aufgeschichtet, aber sorgfältig abgesperrt.

Übers Wochenende kam ich nicht dazu, nachzufragen. Lehrreiche Workshops, zu Themen wie Storytelling und Corporate Publishing und die vielen Kolleginnen aus dem besten Netzwerk der Welt waren erst einmal wichtiger.

Zu Hause angekommen, machte ich mich ans Recherchieren.

Brunnenforscher beauftragt

Ein Beitrag im SWR und ein Artikel im Lokalteil der Allgemeinen Zeitung bringen Licht ins Dunkel.

Auf der Burg Ebernburg hatte man zwei Dinge im Sinn: Den Brunnen gründlich zu reinigen und seinen Inhalt zu erforschen. Als endlich genügend Mittel zur Verfügung standen, beauftragte Ralf Rauschenplat, der Geschäftsführer der Evangelischen Familienferien- und Bildungsstätte Ebernburg, professionelle Brunnenforscher: Dr. Rainer Nier-Glück und seinen Sohn Marco Glück.

Reste eines Autoanhängers? Nicht ganz. Dies sind die Reste einer Feldküche.

Reste eines Autoanhängers? Nicht ganz. Dies sind die Reste einer Feldküche.

Dass der Brunnen neben üblichem Müll auch eine Feldküche aus dem zweiten Weltkrieg enthielt, war bekannt. Ein Zeitzeuge hatte geholfen, den großen Anhänger über den Brunnenrand zu heben.
Der Begriff Feldküche ist, wie Wikipedia weiß1, kein Synonym für „Gulaschkanone“ sondern umfasst neben der selbigen auch einen Behälter für die eiserne Reserve und weitere Einsätze. Kaffeekessel und Schmortopf sind sicherlich auch ein Einsätze der Feldküche.

Sie sollte, zusammen mit einem Klavier und womöglich auch mit Flakgeschützen, vor den herannahenden amerikanischen Streitkräften versteckt werden. Zunächst fiel sie gar nicht in den Brunnen, sondern steckte am Brunnenrand fest. Mit der Zeit senkte sie sich ab, 1977 wurde mit einer Betonkugel nachgeholfen 2.

Brunnenforschung

Brunnenforschung

Die minimalinvasive Bergungsmethode von Dr. Nier-Glück passte zu den räumlichen Gegebenheiten auf der Ebernburg. Ein früherer Versuch mit einem großen Kran war bereits am Burgtor gescheitert. Zusammen mit seinem Sohn Marco untersuchte Dr. Nier-Glück bereits dreißig Brunnen.

Lesson Learned

Klare Anweisung zum Kaffeekochen

Klare Anweisung zum Kaffeekochen

Aus dieser Zeitkapsel habe ich eines gelernt: Kaffeekochen war früher eine zeitraubende Angelegenheit. An folgende Anweisung musste man sich beim Kaffeekochen an der Feldküche halten:

Reihenfolge der Verrichtungen genau beachten:
a) Kessel mit Wasser füllen, Deckel schließen, Rauchklappe B und Aschenfall öffnen.
b) Feuer anzünden und so lange mäßig unterhalten, etwa 1 Stunde, bis aus dem Deckelventil Dampf entweicht (Beginn des Kochens).
c) Aschenfall und Rauchklappe halb schießen, Feuer mäßigen.
d) Den gemahlenen Kaffee allmählich unter beständigem Umrühren in das im Kessel hängende Sieb schütten, wobei darauf zu achten ist, dass der Kaffee nicht überkocht. Dann den Inhalt des Kaffeesiebes nochmals gründlich umrühren, bis er vollständig durchfeuchtet ist.
e) Nach etwa 5 Minuten Feuer ausgehen lassen. Rauchklappe B und Aschenfall ganz schließen.

Die Ebernburg

Das Burgtor der Burg Ebernburg

Das Burgtor der Burg Ebernburg


Die Ebernburg wurde 1338 errichtet, zweimal geschliffen geschleift und im Jahr 1542, sowie ab 1838 wieder aufgebaut. Seit 1849 ist sie als Ausflugsort bekannt. Die Ebernburg Stiftung erwarb die Burg im Jahr 1914 und verpachtet sie seitdem an den Ebernburg-Verein e.V.. Einen Großteil des Ankaufspreises entrichtete damals Theodor Wilhelm Simon (1861–1940), der Gründer der Simona-Werke in Kirn 3.

Bekannt wurde die Burg Ebernburg als „Herberge der Gerechtigkeit“. Franz von Sickingen[13 Mehr über Franz von Sickingen bei Wikipedia], Lehnsherr der Burg Ebernburg, bot Martin Luther auf dem Weg zum Reichstag zu Worms Asyl. Dieser nahm es jedoch nie an. Andere Reformatoren und Anhänger Luthers fanden auf der Ebenburg Unterschlupf. Im Juni 1522 wurde dort der erste Gottesdienst in deutscher Sprache (an Stelle von Latein) gefeiert.

Heute ist die Ebernburg ein beliebtes Ausflugsziel für Wanderer und ein Ferienziel für Gruppen und Familien. In mehreren gut ausgestatteten Workshopräumen, teilweise mit grandioser Aussicht, lässt es sich gut lernen. Im Innenhof, im Keller der Bastion und im Luthersaal ist Platz zum Feiern, für Gespräche und zum Relaxen.
Die Burg verfügt über 23 Einzel- und 47 Doppelzimmer in Halb- und Vollpension.

Romantisch: Sonnenuntergang auf Burg Ebernburg

Romantisch: Sonnenuntergang auf Burg Ebernburg

  1. Mehr über den Begriff Feldküche bei Wikipedia.
  2. Quelle: Artikel über die Brunnenforschung auf der Ebernburg in der Allgemeinen Zeitung
  3. Quelle Wikipedia. Mehr über Theodor Wilhelm Simon in der Chronik der Simona AG.

Autor: Alice Scheerer

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15 Kommentare

  1. Danke, Alice, du hast recherchiert, was ich so gern genauer wissen wollte!!

  2. Ich bin beeindruckt, was du alles gesehen und bedacht hast! Und das inmitten dieses Mega-Input-Getümmels!

  3. Danke, Alice! Ich habe zwar auch viele Fotos von den Fundstücken gemacht, bin aber beim Offensichtlichen stehengeblieben. Jetzt kenne ich auch den Hintergrund :-)

  4. Spannend – danke fürs Nachforschen! Und mir ist jetzt erst klar geworden, dass ich „eure Burg“ sogar kenne.
    Textmenschen-Korinthe: Burgen werden geschleift, nicht geschliffen. :-)

  5. Ihr Lieben,
    schon oft habe ich vom spezifischen Blickwinkel anderer Textinen profitiert. Es freut mich, etwas aus meinem Blickwinkel zurückgeben zu können.
    @Andrea: Danke für den dezenten Hinweis. Man lernt nie aus.
    Liebe Grüße
    Alice

  6. Liebe Alice,

    das ist ja spannend. In dem ganzen Trubel habe ich die Brunnenarbeiten zwar nebenbei registriert, mich aber nicht weiter darum gekümmert. Toll, dass du mir im Nachhinein noch die Augen für diese interessanten Details geöffnet hast. :-)

    Liebe Grüße von Corinna

  7. Klasse! Danke für die Infos, ich hatte den Schrott zwar auch so im Vorbeigehen fotografiert, aber so ist es ja viel spannender! Danke für deinen Hingucker und die Recherche.

  8. WIE SPANNEND! :-)

    Danke!

  9. Liebe Alice,

    das ist ja toll, auch von mir vielen Dank! Das zeigt mir wieder einmal, wie wenig ich oft hingucke. Wenigstens bei „Wandern und Schreiben“ im Wald ist es mir gelungen, aber an dem Schrotthaufen bin ich einfach immer nur vorbeigelaufen.

  10. Mir ging es genauso wie meiner Namenscousine. Danke für deine Aufmerksamkeit, fürs Nachforschen und für diesen schönen Beitrag, liebe Alice!

  11. Liebe Alice, wow, da bin ich echt beeindruckt, was du da alles ausgegraben hast. Wie spannend – und zeigt mir, dass es sich lohnt, immer mal wieder richtig hinzugucken. Danke dir, dass du es auf der Burg getan hast. Hat mir einen interessanten Einblick beschert. Liebe Grüße, Anette

  12. Klasse, Alice, wie toll, das hier so genau zu erfahren. Ich hatte die Teile auch im Hof und in den Beeten liegen sehen (und mich schon ein bisschen über den Kaffeekessel amüsiert, der so gar keine Ähnlichkeit zu unseren Kaffeemaschinen hat), aber wo sie herkommen und warum sie da liegen, das wusste ich natürlich nicht. (Für eine Modernisierung der jetzt verwendeten Küche wären die ausgebauten Teile doch in einem sehr schlechten Zustand gewesen. Da wollen wir gar nicht weiter drüber nachdenken…)
    Danke!

  13. Wie schön, Alice, dass der Brunnen dich für dein Blog inspiriert hat!
    Auch ich habe den „Müll“ nur nebenbei wahrgenommen und mich gefragt, was wohl so ein Brunnenforscher tut… Nun weiß ich es.
    Danke für den Beitrag!
    Jutta

  14. Liebe Alice,

    die „Kaffeemaschine“ habe ich auch gesehen und die Anweisung gelesen – aber einordnen konnte ich den Fund nicht. Danke für Deine Recherche.

    Das Gitter, das den Brunnen sonst abdeckt, liegt auf einem Wiesenstücke zwischen Torturm und Abbiegung in den Burghof.

    Liebe Grüße
    Heike

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