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Altes bewahren und nutzen: Besuch im Stadtarchiv Speyer

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Blick durch ein Bücherregal

Blick durchs Regal


Im SocialWeb ist alles so einfach. Aktive Twitterer, Facebook-Page-Admins oder auch Pinner bei Pinterest finden einander, egal ob sie in Berlin, in der Hagenauer Straße arbeiten, in der Neckargemünder Brückengasse oder der Johannesstraße 22a in Speyer.

Im Real Life ist es nicht ganz so einfach. Wer auf dem großen Parkplatz am Dom parkt, findet den Weg über den Domplatz und die Große Himmelsgassse relativ schnell. Wer vorsorglich zum Landesarchiv in Dudenhofen an Stelle des Stadtarchivs geschickt wird, verfängt sich im Einbahnstraßengetrüpp um das Altpörtel. Nach der Parkplatzsuche gilt es das Namenshindernis zu überwinden. Die Johannesstraße ändert ihren Namen im Verlauf vier Mal. Hilfsbereite Neubürger mit GPS und Smartphone sind hierbei nur bedingt hilfreich.

Straßenschild 'Backofen' neben dem Stadtarchiv Speyer

Der ‚Backofen‘ neben dem Stadtarchiv Speyer.

Ist der Backofen erst einmal passiert, kann nichts mehr schiefgehen. Anders als das Kölner Stadtarchiv, das unabhängig von seinem Schicksal, als Zweckbau errichtet wurde1, wohnt das Stadtarchiv Speyer in einem „adaptierten“ Gebäude. Einst gehörte die Zigarrenfabrik Wellensiek und Schalk das größte Industrieunternehmen Speyers. Im Jahr 1991 wurde es endgültig aufgelöst2.

Am Tag der Archive öffnete auch das Stadtarchiv Speyer seine Türen. Ich hatte über die Archiv-Page bei Facebook von der Aktion erfahren und wollte es mir nicht entgehen lassen, mir das Archiv, dem ich auf Facebook, Twitter und Pinterest folge, von oben bis unten anzusehen.

Die Pizzaschachtel

rchivleiter Dr. Joachim Kemper (links) zeigt die älteste Urkunde des Stadtarchivs

Archivleiter Dr. Joachim Kemper (links) zeigt die älteste Urkunde des Stadtarchivs


Die älteste Urkunde des Speyrer Stadtarchivs stammt aus dem Jahr 1182 und ist von Friedrich Barbarossa persönlich signiert. Da sie den Speyrer Bürgern Privilegien wie freies Erb- und Verfügungsrecht garantierte, musste die Bestätigung eines Dokuments aus dem Jahr 1111 sicher aufbewahrt werden. Dies war der Ursprung des Stadtarchivs. Dass alte Akten wertvoll sind, wussten auch die Franzosen im Pfälzischen Erbfolgekrieg. Vor der angeordneten Niederbrennung der Stadt lagerte man das Archiv nach Straßbourg aus.

Heute schützt man die Dokumente durch Digitalisierung. Jedes Mal, wenn ein Forscher eine der ca. 2500 historischen Urkunden des Stadtarchivs auf monasterium.net abruft, erspart er ihr den gefährlichen Weg aus der Kiste in den Ansichtsraum.

An Stelle einer Leihgebühr erbat man sich nach der Salierausstellung im Historischen Museum der Pfalz eine fachgerechte angefertigte Archivschachtel für die Urkunde von 1182. Intern wird sie „Pizzaschachtel“ genannt. Zuvor wurde die wertvolle Urkunde, wie alle anderen, gefaltet in Archivkisten aufbewahrt.

Hochwertige Archivkisten erleichtern den Mitarbeitern den Kampf gegen Schimmel, Schädlinge und säurehaltiges Papier. Allerdings nur, wenn die Materialien rechtzeitig bearbeitet und ggf. umgebettet werden. Die im Stadtarchiv verwendenden Materialen sind ISO-genormt. Digitalisierte Daten werden auf einem NAS-Server mit 10 Terrabyte gesichert.

Digitalisierung

Aufnahme des Bildschirms

Ein Buch wird mit dem A2-Scanner digitalisiert


Neben den Urkunden auf Monasterium.net sind Dokumente aus dem Speyrer Stadtarchiv auch bei Ancestry.com zu finden. Über eine Anruf von Google zur Digitalisierung der Bestände würde sich Dr. Joachim Kemper, der Leiter des Stadtarchivs, freuen: „Das spart enorme Kosten“.

Beim Gang durch das Archiv verfestigt sich der Eindruck, dass die Erfassung und Digitalisierung der Bestände nicht mehr von fehlender Technik, sondern vom knappen Personalbudget aufgehalten wird.

Dr. Kemper erklärt, dass es viel aufwändiger ist, Archivbestände zu erfassen, als Buchbestände: „Jedes Dokument ist einmalig“. Das Stadtarchiv verwaltet ca. 100 000 Archivalien. Nebeneinander gelegt ergäben sie eine Strecke von 2,5 Kilometern. 35 000 davon sind bereits in der Datenbank erfasst.

Seit drei Jahren verfügt das Stadtarchiv Speyer über einen hochwertigen A2 Buchscanner. In einem abgedunkelten Raum fotografiert Doreen Kelimes ein dickes Buch voller Protokolle für das deutsch-französische EU-Projekt Archivum Rhenanum – Digitale Archive am Oberrhein. Pro Stunde scannt sie etwa 300 Seiten. Schlechter erhaltene Dokumente, die Korrekturen erfordern, dauern länger.

Der Leiter des Stadtarchivs Speyer ist kooptiertes Mitglied im Vorstand des ICARUS – International Centre for Archival Research. Dieser Verein will Archive und verwandte Institutionen auf dem Weg zur Digitalisierung unterstützen. Auch Kooperationen, zum Beispiel für gemeinsame EU-Projekte, sollen erleichtert werden.

Welche Daten werden archiviert?

Ein Gang mit Rollschränken

Ein Buch wird mit dem A2-Scanner digitalisiert


Im Stadtarchiv werden zwar auch städtische Akten zwischengelagert, aber eigentlich sammelt man hier alle nicht staatlichen Dokumente rund um Speyer und seine Bewohner. Viel Nachlässe finden inzwischen hierher, wenn auch noch immer nicht alle. Aktuell sind es 30-40 Nachlässe. Auch an Tagebüchern besteht großes Interesse.

Alte Karten, teilweise nach Augenschein vom Altpörtel3 aus gezeichnet, werden hier verwahrt.

Seit den Sechziger Jahren wurden täglich regionale und überregionale Zeitungen ausgewertet und Artikel über Speyer mit einem zweitausend Begriffe umfassenden Schlagwortkatalog indexiert. Seit 2011 wird der Pressespiegel vom Büro des Oberbürgermeisters erstellt.

Fotos, Negative und Filme

Dr. Kemper präsentiert den archivierte Fotoaufnahmen

Dr. Kemper präsentiert den archivierte Fotoaufnahmen


Die Bestände des Speyrer Stadtarchivs umfassen auch 250 000 Fotos und 80 000 Negative. Aktuell wird an zwei Projekten gearbeitet. Der Fotograf Karl Lutz hinterließ etwa 10 000 Fotografien aus der Zeit des zweiten Weltkriegs. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Kriegsfotos, sonder um Fotos des alltäglichen Lebens. Über den Fortschritt des Projekts wird auf „Archivar – Kamera – Weltkrieg“ berichtet .



Einblick in den Reinigungsprozess vor der Digitalisierung

Eine zweite Sammlung wurde dem Stadtarchiv Speyer von einem Speyrer Fotografen überlassen. Etwas 80 000 Negative, lediglich versehen mit Aufnahmejahr, Monat und Land warten auf Erfassung. Das Jahr 1973 ist bereits bearbeitet.

Natürlich sind in diesen Massen auch wenig aussagekräftige Fotos enthalten. So fragte sich auch das Team um Dr. Kemper, ob es vor dem Digitalisieren der Sammlungen aussortieren soll. Nach dem Praxistest stellte man jedoch fest, dass das Bewerten vor der Digitalisierung sehr viel Zeit kostet. So entschied man sich, alles zu digitalisieren und Datenbankeinträge nachträglich zu deaktivieren.

Auch Filme werden archiviert und digitalisiert. Eine kleine Auswahl findet man auf Youtube.


Digitalisierte Filmaufnahmen: Der Rhein gefriert zu

Schatz zum Schluss

Zeichnungen aus dem ersten Weltkrieg

Zeichnungen aus dem ersten Weltkrieg

Durch das knappe Personalbudget und projektgebundene Finanzierung müssen dem Archiv überlassene Akten und Ordner mitunter lange auf ihre Entdeckung und Erfassung warten. Gerade noch rechtzeitig zur den Ausstellungen und Gedenkfeiern zum Thema 100 Jahre Erster Weltkrieg fand man eine kleine Mappe mit detaillierten Zeichnungen. Während den langen Wartezeiten hatte ein Soldat seine Umgebung gezeichnet. Was von Weitem wie an die idyllischen Zeichnungen von Carl Larsson erinnert, sind aus der Nähe betrachtet Gräben, Kammern, und grüne Wiesen mit Geschützständen. Anrührend und beklemmend zugleich.

Ausblick: Tagung im April

Vom 3. bis zum 4. April findet in Stuttgart die Tagung Offene Archive 2.1 statt. Gäste sind unter anderem

  • Kate Theimer, Bloggerin und Fachautorin rund um Archive im Web 2.0
  • Tanja Praske, SocialMedia-Expertin für Museen
  • Christoph Deeg, veranstaltet Gaming Workshops für Bibliotheken und Archive
  • Elisabth Steiger vom Stadtarchiv Speyer

und weitere Referenten aus Deutschland, Polen, Dänemark, Frankreich, Spanien und den Niederlanden.

Mehr über die Konferenz und ihren Vorgänger „Nachbereitung“ der Tagung „Offene Archive? Archive 2.0 im deutschen Sprachraum (und im europäischen Kontext)“ gibt es auf Archive 2.0 zu lesen.

Mehr über das deutsch-französische Projekt „Archivum Rhenanum“ auf Archivum Rhenanum.

Der Verein Icarus – International Centre for Archival Research, der Archive auf ihrem Weg ins digitale Zeitalter unterstützt hat ebenfalls eine Website.

Einen Überblick über die Projekte und Ausstellungen der Stadt Speyer findet man auf der Website der Abteilung „Kulturelles Erbe“ der Stadt Speyer.

Ein Teil des Bestands ist bereits im Findbuch des Stadtarchivs Speyer (vergleichbar mit einem OPAC) erfasst.

Kontakt

Abteilung Kulturelles Erbe
Johannesstraße 22a

Tel. (0 62 32) 14 22 65
stadtarchiv@stadt-speyer.de

Öffnungszeiten:
Di bis Do: 9:00 - 12:00 Uhr und 13:00 - 16:00 Uhr

Das Stadtarchiv Speyer auf Twitter
Das Stadtarchiv Speyer auf Facebook
Das Stadtarchiv Speyer auf Pinterest

  1. Mehr über das Kölner Modell bei Wikipedia.
  2. Die Zirgarrenfabrikanten Wellensiek und Schalk waren urspünglich in der Zigarrenstadt Bünde ansässig. Auch in Oberhausen wurde eine Gebäude der Firma Wellensiek und Schalk adaptiert. Heute ist es ein Bürgerhaus.
  3. Das Altpörtel war das westliche Stadttor von Speyer. Mit einer Höhe von 55 Metern ist es eines der höchsten und bedeutendsten Stadttore Deutschlands. Mehr über das Altpörtel bei Wikipedia.

Autor: Alice Scheerer

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