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Arbeiten und nicht verzweifeln … ein Zufallsfund, seine Geschichte und ihre Parallelen

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Um den Blogpost für Wibke Ladwigs Blogparade angemessen zu illustrieren, stöberte ich im Bücherbestand meines Herzblatts. Vor ein paar Jahren erbte er von seinem Großvater unter anderem eine Regalbreite der Blauen Bücher. Diese zu Anfang des 20. Jahrhunderts allseits bekannte Buchreihe war damals als Artikel „für die breiten Massen“ gedacht „die man die Ungebildeten nennt“1.

Für den vielbeschäftigten Leser von heute sind sie informative, leicht konsumierbare Wissenshäppchen.

In einem Band über Dänische Maler, zwischen dem Bildnis von Anna Nielsen und dem Bildnis einer Dame von Johan Frederik Nicolai Vermehren fand ich eine perfekt erhaltene Werbepostkarte mit der Aufschrift Arbeiten und nicht verzweifeln. Ich musste sofort an das Meme “Keep calm and carry on” denken und wollte die Karte neben der schreibenden Dame zum Scherz auf Facebook posten. Genau die richtige  Durchhalteparole für meine Freundinnen vom Netzwerk Texttreff, dem Netzwerk wortstarker (und zumeist schreibender) Frauen. 

Keep calm ... Das Original und zwei seiner Abwandlungen

Keep calm … Das Original und zwei seiner Abwandlungen

Weil man sich bei historischen Zitaten oft in die Nesseln setzen kann und z.B. Personen zitiert, die an anderer Stelle nicht tolerierbare Aussagen gemacht haben, recherchierte ich erst einmal, was es mit dieser Karte auf sich hat.

Arbeiten und nicht verzweifeln

Arbeiten und nicht verzweifeln ist der Titel einer Sammlung von Auszügen aus dem Werk von Thomas Carlyle und das erste Buch, das Karl Robert Langewiesche in seinem Verlag herausgab.

Es diente Deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg als Durchhalteliteratur und verkaufte sich sehr gut:

Im zweiten Kriegssommer erschien dann bereits das 181. bis 200. Tausend des Buches und wurde in 10 Monaten, hauptsächlich an den Fronten, abgesetzt, wo also deutsche Soldaten vielfach Carlyle gelesen haben, während sie gegen dasselbe England kämpften, dem grade er die Notwendigkeit des Anschlusses an deutsches Geistesleben so leidenschaftlich und so vergeblich gepredigt hat… Zitat des Verlegers Karl Robert Langewiesche (Quelle: Wikipedia über Carlyle)

Der innovative Verleger Karl Robert Langewiesche standardisierte das Erscheinungsbild und die Typographie der Blauen Bücher und konnte somit hohe Auflagen zu geringen Kosten produzieren.

Auf ihn gehen Schaufensterplakate und Klappentexte für Bücher sowie der werbende Buchumschlag zurück 2. Den Verlag Karl Robert Langewiesche und seine Blauen Bücher gibt es übrigens auch heute noch.

Mehr dazu später.

Thomas Carlyle

Thomas Carlyle (Quelle: Wikimedia)

Thomas Carlyle (Quelle: Wikimedia)

Der Schriftsteller Thomas Carlyle (1795-1881) studierte in Edinburgh unter anderem Deutsch und übersetzte, als Anhänger des Idealismus, beispielweise Goethe, Schiller und Heine ins Englische. Damit machte er ihre Werke in seinem Heimatland bekannt. Mit Goethe, den er verehrte, trat er in einen Briefwechsel. Ein bekannte Werke schrieb er über die Geschichte der Französischen Revolution, Oliver Cromwell und Friedrich den Großen. Im Jahre 1865 wurde er zum Rektor der Edinburgher Universität gewählt. Er starb im Jahr 1881 als anerkannter englischer Dichter.

Betrachtet man diese Seite Carlyles, so könnte ich die Werbepostkarte bedenkenlos teilen. Leider hat Carlyle auch rassistische Aussagen getroffen, mit denen man sich nicht mehr gemein machen möchte3. Ich entschied mich, das Foto erst einmal zu archivieren.

Die Geschichte von „Keep Calm And Carry On“

Vor ein paar Tagen entdeckte ich jedoch auf der Facebook-Page von Wibke Ladwig, der Initiatorin der bereits erwähnten Blogparade, ein Video zur Geschichte des „Keep calm and carry on“-Mems. Es hat seinen Ursprung in einem englischen Durchalteposter des zweiten Weltkriegs.

Da warf ich die Bedenken über Bord und entschied mich, doch darüber zu schreiben.

Im Jahre 2000 fand man in Barters Bookshop, einem Antiquariat in Alnwick im Nordosten Englands, eines der niemals öffentlich verwendeten Plakate. Es wurde im Fenster aufgehängt und erfreute sich größter Beliebtheit4. Man begann das Poster nachzudrucken und die Verbreitung des Motivs begann. Zwischenzeitlich versuchte ein Unternehmen, das in Groß-Britannien frei verfügbare Motiv in der restlichen EU schützen zu lassen. Dies wurde abgelehnt5.

Der Übersetzungsfehler

Angespornt durch eine nette Mail vom Verlag Langewiesche Königstein – Verlag der Blauen Bücher, den ich wegen der Fotoaufnahme angeschrieben hatte, recherchierte ich noch ein wenig weiter und fand das Redemanuskript zum 100. Geburtstag des Verlags am 5. Mai 20026.

Darin erwähnte Gabriele Klempert, dass der Buchtitel auf einen Übersetzungsfehler zurückgeht. Thomas Carlyle habe die letzte Zeile eines Goethe-Gedichts von „Wir heißen euch hoffen“ in „Work, and despair not“ verwandelt und Karl Robert Langewiesche habe sie wiederum ins Deutsche übersetzt.

Eine deutsche Gedichtzeile wandert nach England, wird dort sehr frei übersetzt, in Deutschland rückübersetzt und als Buchtitel erfolgreich. Diese Geschichte ist so schön, dass ich sie erst einmal nicht glauben konnte. Die Übersetzung schien mir äußerst unlogisch.

Das Gedicht war schnell gefunden. Es trägt den Titel Symbolum und wurde vermutlich für die Weimarer Freimaurer Loge „Anna Amalia zu den drei Rosen“ geschrieben 7.

In einer Fußnote eines Werkes zur Theologie Calvins von Karl Barth fand ich den nächsten Hinweis auf die Übersetzung und ihre Rückübersetzung 8. Seine Edinburgher Rektoratsrede von 1866 soll Thomas Carlyle mit dieser Übersetzung beendet haben. Sie sei 1899 als Bestandteil des Bandes „Critical and Miscellanous Essays IV“ erschienen.

Diese Ausgabe und vor allem dieses Zitat fand ich nicht. Aber glücklicherweise verwendete Thomas Carlyle sie mehrmals, so auch als letzten Satz des Abschnitts The Ancient Monk in “Past and Present9.

Die Übersetzung wird nachvollziehbarer, betrachtet man die komplette letzte Strophe:

Hier winden sich Kronen
In ewiger Stille,
Die sollen mit Fülle
Die Tätigen lohnen!
Wir heißen euch hoffen.

Here eyes do regard you
In Eternitys stillness;
Here is all fullness,
Ye brave to reward you;
Work, and despair not.

Wobei ich mir auch vorstellen kann, dass es sich nicht direkt um einen Ubersetzungsfehler handelt.

Fazit

Bisher fand ich noch keinen Beleg eines Zusammenhangs zwischen der deutschen Durchhalteliteratur des Ersten und der englischen Durchhaltepropaganda des Zweiten Weltkriegs. Wenn er existieren sollte, z.B. weil das Buch aus dem Verlag Langewiesche Königstein den Marketing-Experten bekannt war, so ist er vermutlich nicht dokumentiert.

Durch die Beschäftigung mit den Blauen Büchern und Karl Robert Langewiesche habe ich einen ganz anderen Blick auf die ererbten Bücher erlangt. Wir haben kleine eine Sammlung die den Geist der Lebensreform atmet.

The English translation will follow soon.

  1. Quelle dieses Zitats von Karl Robert Langewiesche : Neue Deutsche Biographie (NDB) http://bsbndb.bsb.lrz-muenchen.de/sfz48092.html
  2. Zumindest laut seiner Biographie. Ob diese Erfindungen zuvor z.B. in den USA Einzug gehalten hatten, ist zu überprüfen.
  3. Quelle der Aussagen dieses Absatzes ist der Eintrag über Thomas Carlyle bei Wikipedia.
  4. Schriftliches zur Geschichte z.B. bei KnowYourMeme.
  5. Mehr über das Poster und seine Geschichte bei Wikipedia.
  6. Quelle: Redemanuskript auf der Website des Langewiesche Verlags.
  7. Mehr zu Symbolum.
  8. Quelle: Barth Karl: Akademische Werke: Die Theologie Calvins 1922. Zürich, 1973, S. 169-170.
  9. Carlyle Thomas: Thomas Carlyle’s Collected works, Volume 13, Past and Present. London, Chapmann and Hall, 1870.

Autor: Alice Scheerer

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6 Kommentare

  1. Kann man Durchhalteparolen upcyceln? Was sind „Die Blauen Bücher“? Und was haben die Freimaurer damit zu tun? http://t.co/OnA8xkZaLt

  2. Vielen Dank an @sinnundverstand für die mannigfaltige Inspiration zum heutigen Blogpost!!! http://t.co/OnA8xkZaLt

  3. „Keep calm and carry on“ kennt jeder, aber wie steht es um „Arbeiten und nicht verzweifeln“? Frisch auf #slowlifelab: http://t.co/6HxADrddAe

  4. Danke für den feinen Artikel!
    Kleine Anmerkung: Weil die (für damalige Verhältnisse) sehr weit verbreiteten „Wissenshäppchen“ des 1902 gegründeten Verlages zwei Weltkriege nicht verhindert haben (soso!), hat der Verlag nach 70 Jahren zunehmend Abstand von dieser Präsentationsform genommen. Seitdem haben die Bücher des Verlages mehr Text als zuvor und sind damit weniger reine „Bildbände“ als illustrierte Sachbücher. Bestimmte Themen von damals wurden in völlig anderer Intention aufgenommen als früher. Ein Beispiel von 1994: „Kunst in Polen – Polnische Kunst 966-1990“.

  5. Wochenendlektüre gesucht? Auf #slowlifelab gibt es wieder Fun-Facts zum Schmökern :) http://t.co/6HxADrddAe

  6. Für alle Buchmesse-Überlebenden ist hier noch einmal der Link zum letzten Blogpost: http://t.co/OnA8xkZaLt #alteBücher #SloganUpcycling

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