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Altes wiederverwenden: Bummel über die Veterama

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Ein Klapprad gibt es auf der Veterama schon ab 50 Euro

Ein Klapprad gibt es auf der Veterama schon ab 50 Euro


Auf der Veterama1 am Hockenheimring braucht man in erster Linie ein Fahrrad. Denn die Wege sind lang.

Fahrrad-Mani (Name geändert) fährt die Strecke vom Campingplatz zum Stand mit seinem historischen Peugeot-Rad. Auf dem offenen Anhänger liegt Zubehör: Taschen, Kleinkram.

Auf dem Abhang in der Unterführung beschleunigt er, um das schwere Rad später nicht bergauf schieben zu müssen. Zu schnell darf er auch nicht werden, sonst schleudert er die Taschen vom offenen Anhänger. Beeindruckten Passanten ruft er zu: „Früher hat man es doch auch so gemacht“.
Fahrrad-Mani hat es geschafft. Unter dem Retro-Outfit mit der Schiebermütze stecken trainierte Muskeln.

„Das Wohnmobil ist zu groß, um es neben den Stand zu stellen. Darum hole ich die Teile Stück für Stück mit dem Rad“, erklärt er.

Der Fahrradsammler

Sogar ein Hochrad konnte man auf der Veterama kaufen

Sogar ein Hochrad konnte man auf der Veterama kaufen

Auch am Stand, den Fahrrad-Mani mit seinem Freund einrichtet, dreht sich alles um historische Fahrräder.
Fahrrad-Mani: Seit fünf, sechs Jahren sieht man immer mehr Fahrräder auf der Veterama. Am Anfang waren es nur einzelne, jetzt gibt es spezialisierte Händler und ganze Stände. Die Leute wissen durch Ebay, welche Preise man mit historischen Rädern erzielen kann.

Historische Fahrräder an einem spezialisierten Stand

Historische Fahrräder an einem spezialisierten Stand

Bei Ebay hat er auch Kunden außerhalb Deutschlands. Manche davon nutzten historische Fahrräder als Geldanlage.

Fahrrad-Mani: Japaner bezahlen beispielsweise gut. Die sammeln nicht viele Fahrräder, sondern hängen sich ein einzelnes historisches Fahrrad als Dekoration in die Wohnung. Das wird dann aber komplett mit Originalteilen ausgestattet.
Wir selbst sind Sammler und verkaufen hier nur, was wir selbst nicht mehr haben wollen.

Die beiden nehmen auch an Ausfahrten und Rennen mit historischen Fahrrädern, Tweed-Runs genannt, teil. Gerade trainiert er für ‚La Rando‘, die längste Variante der Ausfahrt „L´Anjou Vélo Vintage“ in Saumur.

Fahrrad-Mani nutzt die Veterama nicht nur zum Verkaufen, sondern auch, um seine Sammlung zu komplettieren. Gerade kommt sein Freund zum Stand und drückt ihm einen Gegenstand in die Hand.

Ah, der Peitschenhalter!

Wie bitte?!
Fahrrad-Mani: Das ist ein Peitschenhalter fürs Fahrrad. Früher wimmelte es auf den Landstraßen von bissigen Hunden. Mit der Peitsche konnte man sie sich vom Hals halten. Wenn die nicht half, kamen kleine Bömbchen zum Einsatz, die der Radler in einem Kästchen an der Lenkerstange aufbewahrt hat. Die ähnelten Knallerbsen, waren aber viel stärker.

Der Marktleiter und Museumsdirektor

Winfried A. Seidel, Museumsdirektor und Veranstalter der Veterama

Winfried A. Seidel, Museumsdirektor und Veranstalter der Veterama


Auf dem Hallendach, über das Halle 1 und 2 haben sich verschiedenen Interessenverbände und Vereine versammelt. Der ADAC ist da, ein Fanclub für den BMW 3er 2 und der große Stand des Automuseums Dr. Carl Benz in Ladenburg3. Am Stand, zwischen fachsimpelnden Besuchern, sitzt Winfried A. Seidel, Museumsdirektor und seit 39 Jahren Veranstalter der VETERAMA.

Gerade hat mir jemand erzählt, dass seit 5-6 Jahren immer mehr historische Fahrräder auf der Veterama gehandelt werden. Überrundet das historische Fahrrad den Oldtimer als Geldanlage?

Winfried A. Seidel: Das halte ich für unwahrscheinlich. Fahrräder sind schon viele, viele Jahre im Trend. Es gibt spezielle Zweiradsammler, die auch umfangreiche Sammlungen haben. Hochräder, Tretkurbelräder und Peugeot-Räder werden schon immer relativ hoch gehandelt, die sind vielleicht ein bisschen teurer geworden.

Das historische Fahrrad als Kapitalanlage halte ich für ein Gerücht. Das ist vielleicht ein Argument, um seine Frau zu überzeugen.Winfried A. Seidel

Älteren Fahrzeugen sagt man nach, dass sie besser wartbar sind. Neueren Fahrzeugen, dass sie umweltfreundlicher verbrennen. Gibt es eine eierlegende Wollmilchsau, die beide vereint?

Winfried A. Seidel: Ja, den Oldtimer schlechthin.

Der Oldtimer wird relativ selten gefahren und die Vergaser-Motoren lassen sich sehr abgasarm einstellen. Gut eingestellt, erzielen sie ganz verblüffende Werte. Es sind bereits Analysen gemacht worden, die besagen, dass es am umweltschonendsten ist, einen Oldtimer weiterzufahren4. Man braucht viele Jahre, um mit einem Oldtimer den Umweltschaden zu errichten, den die Produktion eines Neuwagens verursacht. Heute wird das meiste aus Kunststoff hergestellt. Das sind umweltbelastende und ressourcenvernichtende Produktionsmethoden.

Die Dauernutzung eines Fahrzeuges ist umweltfreundlicher als die Neuproduktion.

Das verlagert die Schadstoffe in Richtung der Produktion?
Winfried A. Seidel: Ja. Es gib zu diesem Thema hochinteressante Berechnungen. Auch in den Vereinen wird das Thema diskutiert, wir brauchen ja auch Argumentationshilfe für H-Kennzeichen und Ähnliches.

Winfried A. Seidel ist Mitglied im fraktionsübergreifenden Parlamentskreis für mobiles Kulturgut. Er wurde von Andreas Scheurer initiiert, bis 2013 Parlamentarischer Staatssekretär des Bundesministeriums für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung.
In der Regel trifft sich dieser drei Mal im Jahr.

Winfried A. Seidel: Wir treffen uns, um bevorstehende Gesetze zu diskutieren, die Oldtimer-unfreundlich ausgelegt werden könnten.
Es gibt ja immer mehr Regeln, um das Kraftfahrzeug umweltverträglicher zu machen. Man will zum Beispiel Abrollgeräusche minimieren, um die Wohngebiete rund um Autobahnen weniger zu belasten. Wenn so Gesetz erst mal draußen ist und ohne Baujahresgrenze besagt, dass Automobile eine bestimmte Dezibelgrenze nicht überschreiten dürfen, kann es passieren, dass sie mit einem Oldtimer gar nicht mehr fahren dürfen. Manche Gesetze kann man mit einem Oldtimer beim besten Willen nicht einhalten.

Hier steht eine Poster des Verbands „Deutsche Museumsstrasse“. Sind Sie dort auch aktiv?
Winfried A. Seidel: Ich bin zweiter Vorsitzender. Ich war lange Zeit Präsident des Deutschen Mercedes Benz Veteranenclubs und bin dann in die zweite Reihe.
So ein Zusammenschluss wie die „Deutsche Museumsstrasse“ ist nicht einfach zu führen. Die Besitzer kleinerer Museen sind sehr starke Individualisten. Ich habe damals gesagt: Ich kenne mich ein bisschen aus und habe Kontakt zu der Szene. Wählt mich halt, wenn ihr wollt5.

Neben der Tätigkeit als Museumdirektor und der Organisation des Veterama ist Winfried A. Seidel auch Buchautor. Die „Automobilgeschichten“ sind im Frühjahr 2013 erschienen.

Winfried A. Seidel: Ich habe mir 23 Fahrzeuge aus meinem Museum rausgesucht und deren Geschichten erzählt. Das hat mir unheimlichen Spaß gemacht, weil viele Erlebnisse beim Schreiben wieder aufgelebt sind. Vom ersten Anruf, über das überzeugen der Ehefrau bis zum Ankauf und Transport
Petra Arnold, eine gute Bekannte, hat die Fotos gemacht. Sie wollte sie aber nicht im Museum fotografieren, sondern jedes Fahrzeug in einem passenden Umfeld. Im Buch ist zum Beispiel der Bertha-Benz Wagen, in dem Bertha-Benz wirklich gefahren ist. Das ist eine Leihgabe aus dem Science Museum in London.

Wird es eine Fortsetzung geben?
Winfried A. Seidel: Ich habe dreitausend Exemplare drucken lassen, die wollen wir erst mal verkaufen.

Mehr über das Buch auf Automobilgeschichten.de. Das Buch auch im Automuseum Ladeburg erhältlich.
ISBN: ISBN: 978-3-00-041470-1

Der Schmierstoffspezialist

Der Stand von Walter Wagner

Der Stand von Walter Wagner

Die Titelzeile „Was E10 ihrem Spritvergaser antut“ springt mir in die Augen. Direkt daneben wirbt ein Plakat für „Bleiersatz“. Welche Zusätze braucht man, um Old- und Youngtimer weiter zu betreiben?

Der Unternehmensgründer Walter Wagner macht einen handfesten Eindruck. Freundlich und unaufgeregt erklärt er die Problematik mancher Oldtimer und die Funktionsweise seines Bleiersatzes und weiterer Kraftstoffzusätze. Wagner ist Maschinenbauingenieur und seit 20 Jahren selbständig. Seine Produkte vertreibt er nicht nur auf Oldtimermärkten, sondern auch in Russland und Japan 6.

Impression von der Veterama

Ein Lastenfahrrad auf der Veterama

Ein Lastenfahrrad auf der Veterama

Das Fahrrad ist hilfreich auf langen wegen und wird auch gehandelt

Das Fahrrad ist hilfreich auf langen wegen und wird auch gehandelt

Zumindest am Insider-Tag dominierten die Youngtimer auf dem Komplettfahrzeugmarkt.

Zumindest am Insider-Tag dominierten die Youngtimer auf dem Komplettfahrzeugmarkt.

Erst kürzlich von den Straßen verschwunden: Der Opel Commodore

Erst kürzlich von den Straßen verschwunden: Der Opel Rekord

Audi-Youngtimer im Sonnenuntergang

Bahiablau im Sonnenuntergang: Der Audi 100

Das älteste Fahrzeug. Oder doch nur das ungepflegteste?

Das älteste Fahrzeug. Oder doch nur das verlassenste?

Motto: Sich selbst nicht so ernst nehmen.

Motto: Sich selbst nicht so ernst nehmen.

Fazit

Am Insider-Tag ist genügend Platz, um sich Motorradteile in Ruhe anzusehen

Am Insider-Tag ist genügend Platz, um sich Motorradteile in Ruhe anzusehen


Durch Märkte wie die Veterama, auf denen nicht nur Ersatzteile, sondern auch Tipps und Kniffe ausgetauscht werden, ist es möglich, Old- und Youngtimer selbst zu reparieren und weiterzufahren. Man wird dort freundlich aufgenommen und kommt leicht ins Gespräch.
Die gute Stimmung und Produkte wie Fahrräder und Dekoartikel machen die Veterama auch für Nicht-Schauber attraktiv.

Die nächste Veterama findet vom 10.- bis 12. Oktober in Mannheim statt.

Die Besucher treten den Heimweg an. Natürlich dabei: Das Fahrrad.

Besucher treten den Heimweg an. Natürlich dabei: Das Fahrrad.

  1. Veterama steht für „Veteranen-Markt“ und ist ein großer Oldtimer-Teilemarkt in Süddeutschland. Die erste Veranstaltung fand 1975, noch unter anderem Namen, statt. Inzwischen ist die Veterama eine halbjährige Veranstaltung. Im Jahr 2014 gibt es eine Frühjahrsveterama im April auf dem Hockenheimring und im Oktober auf dem Maimarktgelände in Mannheim. Mehr auf Veterama.de
  2. Offiziell: der Club BMW 3er E36 e.V.
  3. Das Automuseum Dr. Carl Benz befindet sich in der historischen Benz-Fabrik.
  4. Anmerkung der Redaktion: Beispielsweise ein Bericht der Sendung NANO auf 3Sat, die Studie des IFEU Heidelberg und in der Ausgabe 7/2008 der Zeitschrift Oldtimer-Markt „Reizklima: Warum alte Autos umweltfreundlicher als neue sind“
  5. Die Initiative „Deutsche Museumsstraße“ ist eine Zusammenschluss von derzeit 215 Automobil- und Technikmuseen.
  6. Wagner Vertrieb in Japan und in Russland.

Autor: Alice Scheerer

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